Samstag, 24. Dezember 2011

Gedicht des Monats

Das Gedicht des Monats Dezember stammt von Elisabeth Singh-Noack und befasst sich - das ist unvermeidlich - mit Weihnachten, Silvester und dem ganzen Stress, den wir uns damit machen.



 Fast ein Fest
 
Den ersten Advent
Man noch müßig verpennt. 
Das Fest ist noch weit, 
Zum Kaufen viel Zeit.
 
Am zweiten Advent
Der Kranz komplett brennt.
Dank Chinas Kerzendocht
Man im Ruß vor Wut kocht.

Zum dritten Advent
Man sich beugt dem Trend,
Geht ins Orgelkonzert,
Sich von Glühwein ernährt.

Am vierten Advent
Man packt panisch und rennt,
Markt und Läden erstürmt,
Da sonst enttäuscht und erzürnt
 
Familie,Freunde,Nachbarn und Kollegen -
Zur Weihnacht hängt völlig schief der Segen,
Bleibt auch nur einer unbeschert,
Das Fest verläuft nicht unbeschwert.

Unbrauchbares,nützliche Sachen,
Heiligabend Stimmung,Papier,ganze Tannen knistern,
Und eine Woche später muss es krachen,
Man sich betäubt umarmt, Gerührte wispern:

Süßer die Stimmen nie klingen,
Als alle ein Loblied singen
Auf Kitsch und Nippes und Marzipan
Und auf den geliebten Endjahreswahn.



Mittwoch, 21. Dezember 2011

Frohe Weihnachten!

Und auch von uns allen:


Hoffentlich bringt Ihnen der:


...möglichst viele:



Darunter viele schöne:







Sonntag, 18. Dezember 2011

Bestseller mit Ansage - Teil 2

(Foto: Kathrin Möbius)

Am 13. Oktober veröffentlichte ich einen Post mit dem Titel Bestseller mit Ansage, in dem ich davon berichtete, wie das moderne Verlagswesen funktioniert, mit welchen oft fragwürdigen Methoden Bücher zu Verkaufserfolgen gemacht werden. Scherzhaft schlug ich vor, Ex-Verteidigungsminister Guttenberg solle einen Roman veröffentlichen mit dem Titel Wie ich Opfer einer Hetzjagd wurde und trotzdem immer gut frisiert war. Ich prognostizierte ihm damals fünf Talkshow-Auftritte, zwanzig große Artikel in den Feuilletons und 300.000 verkaufte Exemplare.

Jetzt ist es geschehen! Okay, ich hab nicht ganz richtig gelegen. Das Buch ist am 29. November in Form eines langen Interviews erschienen, heißt Vorerst gescheitert und handelt von einem Mann, der sich unschuldig verfolgt fühlt und in alle Richtungen austeilt. Sein Vater Enoch zu Guttenberg war zu Gast bei Maischberger, Anne Will hat ihm eine volle Sendung gewidmet. Die zwanzig Artikel in den Feuilletons sind sicher schon erreicht. Nach drei Tagen war die Startauflage von 80.000 Exemplaren verkauft, derzeit steht das Buch auf Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste.

Was sagt uns das? Bin ich etwa ein Prophet? Leider nein. Man braucht keine übersinnlichen Fähigkeiten, um so etwas vorherzusagen. Der Kulturbetrieb entwickelt sich stetig nach unten, man muss einfach die Linie weiterdenken. Besonders verwerflich erscheint in diesem Fall, dass Guttenberg nichts Bedeutendes geleistet hat, er keinen Frieden gestiftet, für die Umwelt nichts getan, kein Kunstwerk geschaffen und keine Erfindung gemacht. Schlimmer noch, er ist vor allem für eines bekannt geworden: für einen erschlichenen Doktortitel. Und trotzdem wird ihm in den Medien ungeheuer viel Raum gegeben.

Dennoch sollten wir nicht in Kulturpessimismus verfallen. Sehen wir es doch mal so: Je mehr Guttenbergs, Sarrazins und Roches sich auf dem Buchmarkt tummeln, umso mehr Platz wird sein für die anderen, diejenigen, die sich um Qualität bemühen, die eine echte Aussage haben, die die Dinge zum Besseren verändern wollen. Denn auch danach gibt es ein Bedürfnis, auch dafür gibt es einen Markt - der im Moment allerdings sehr vernachlässigt wird, zumindest von den großen Medien. Irgendwann jedoch ist man der Pomade überdrüssig - siehe Guttenberg.
Also: dranbleiben!



Donnerstag, 8. Dezember 2011

Vorschau: Lucia-Lichterfest in Ludwigshafen


Liebe Literaturfreunde,

es ist trostlos geworden in unserer Welt. Die Sonne ist zu schwach, um sich durch das Wolkendickicht zu kämpfen, das Violett der letzten Astern wird von Nebelschwaden verschluckt und über kahlen Feldern schreien unsichtbare Krähen. Und wir? Wir werden immer deprimierter und antriebsloser und wissen nicht, was wir dagegen tun könnten.
Vielleicht sollten wir jemanden fragen, der sich damit auskennt! Die Schweden haben sehr viel Erfahrung mit der Dunkelheit und sie begegnen ihr mit einem Meer von Kerzen. In jeder Familie wird dort am 13. Dezember ein Mädchen zur Lucia gewählt. Man trinkt Glögg, isst süßes Hefegebäck und lässt sich vom Licht der Kerzen verzaubern, die Lucia in einem Kranz auf ihrem Kopf trägt.
Am Dienstag, dem 13. Dezember um 18:00 Uhr können Sie eine leicht eingedeutschte Form des Lucia-Lichterfestes am Lichterlabyrinth vor dem Turm 33, Maxstr. 33 in 67059 Ludwigshafen miterleben. Rund um den Lutherbrunnen brennen Kerzen, es gibt Glühwein und süßes Gebäck und ich werde Ihnen eine Geschichte vorlesen, die zu dieser Stimmung passt.
Sie können sich natürlich auch zu Hause in den Sessel setzen und Ihre Tageslichtlampe einschalten, aber mal ehrlich: Finden Sie flackernde Kerzen in einer Winternacht an einem Brunnen nicht viel romantischer?
Ich freu mich auf Sie.

Liebe Grüße
Edith Brünnler









Edith Brünnler  Gefühlte Freiheit
Dieses Buch handelt nicht von der Unterdrückung der Menschen in fernen Ländern oder vergangenen Zeiten. Hier geht es um die Unfreiheiten vor unserer Haustür, hinter unseren weißen Gardinen und in unseren eingefahrenen Denkweisen, mit denen wir uns und anderen das Leben schwer machen.
16,80 EUR  ISBN 978-3-940218-86-5  make a book




Mittwoch, 9. November 2011

Kurzgeschichte des Monats

Die Kurzgeschichte des Monats November ist eigentlich ein Romanauszug:


Nils Ehlert, Anette Butzmann, Jancu Sinca, Olga Manj, Lothar Seidler
Nebelkopfhütte


Sechs ehemalige Schulfreunde sind auf einer einsamen Berghütte verabredet. Ihre frühere Anführerin hat alle zu einem verlängerten Wochenende in der freien Natur eingeladen. Doch Siggi, Edi, Isabell und Nico warten vergeblich auf Katharina. Und dann schafft es auch Jasmin nicht rechtzeitig zum Treffpunkt zu kommen. Der Rest der Gruppe macht sich auf den langen Aufstieg. Die Hütte entpuppt sich als winzig und unkomfortabel, unglaublich, dass Katharina, als neureiche Tochter, die Freunde auf diese Weise einquartiert. Obwohl sie nicht da ist, haben alle das Gefühl, dass sie weiterhin die Fäden zieht.

Dunkle Erinnerungen kommen auf. Die anstrengenden Wanderungen, die sich Niko ausdenkt, tragen nicht gerade zur Erheiterung der Gruppe bei. Unausgesprochene Fragen kreisen in den Köpfen: Was war damals zwischen Niko und Siggi? Und was zwischen Katharina und Edi? Wird die Container-Situation in den Bergen die Karten neu mischen? Dann schlägt auch noch das schöne Wetter um. Das Wochenende wird zu einem alpinen Psychopanorama. Und nicht nur das. Es entwickeln sich lebensbedrohliche Situationen. Steckt hinter allem ein heimtückischer Plan?


Treffpunkt: Goldener Ochse

Niko kommt eine Dreiviertelstunde zu früh auf dem Parkplatz des Goldenen Ochsen an. Natürlich ist er der Erste. Etwas anderes hat er nicht erwartet. Es wird noch dauern, bis die anderen eintreffen. Der Verkehr ist, wie üblich vor langen Wochenenden, unerträglich dicht gewesen. Wäre Niko nicht schon in den frühen Morgenstunden losgefahren, hätte er es nicht so zeitig geschafft.
Von der Autobahnabfahrt über Niederschlegen, dem Ort am Taleingang, bis zum kleinen Weiler Oberschlegen, durch den Niko gerade gefahren ist, ist die Straße immer schmaler geworden. Der Goldene Ochse ist das letzte Haus. Hinter dem
Parkplatz der Gastwirtschaft endet die Teerdecke, und es beginnt ein erdiger Waldweg, der mit einer Schranke abgegrenzt ist. Das Talende ist nicht mehr weit, die Berge sind zum Greifen nah. Niko nimmt dieWanderkarte, die neben ihm auf dem Sitz liegt, steigt aus dem Auto und faltet sie auf der Motorhaube auseinander. Es dauert nicht lange, und er hat die ringsum stehenden Berge identifiziert.
Er beschließt, schon einmal den Schlüssel für die Hütte im Goldenen Ochsen abzuholen. Vielleicht gibt es auch noch ein paar Tipps vom Wirt, welche Wanderungen sich besonders lohnen. Er geht zum Eingang, drückt die schwere Tür auf und geht durch den Flur bis in die Gaststube. Es ist ein großer, fast saalartiger Raum mit zahlreichen Tischen und einem massigen Tresen. Boden, Wände, Decke und auch dasMobiliar sind aus dunkel lackiertem Holz, das an vielen Stellen abgewetzt ist und ein etwas helleres Braun durchschimmern lässt. Durch die kleinen, gardinenverhängten Fenster fällt nur spärliches Licht. Nikos Augen brauchen eine Weile, um sich daran zu gewöhnen. Ein unbestimmter Geruch nach fettem Essen und abgestandener Luft dringt in seine Nase. Im Hintergrund läuft leise ein Radio. Niko vermutet, dass der Goldene Ochse schon bessere Zeiten erlebt hat.
Zwei Männer um die sechzig befinden sich im Raum, der ansonsten leer ist. Einer sitzt an einem Tisch, ein Glas mit schalem Bier vor sich, der zweite mit fleckiger Schürze steht daneben und unterhält sich mit ihm. Niko fragt denMann mit der Schürze, ob er der Wirt sei. »Ja, das bin ich«, sagt der in breitem Dialekt.
»Ich möchte den Schlüssel für die Nebelkopfhütte abholen «, sagt Niko, »Sie wissen sicher Bescheid.«
»Einen Moment«, sagt der Wirt und brüllt nach hinten in den Raum: »Maria!«
»Der Weg zur Hütte ist nicht einfach zu finden«, wendet er sich wieder an Niko, »es gibt keine Markierungen.«
»Das habe ich schon gehört«, sagt Niko.
»Sie können die Steigspuren leicht verfehlen und sich verlaufen. Das ist nicht ungefährlich. Es gibt überall Steilabstürze. Wenn Sie nicht aufpassen, dann ...«
»Ich habe ausreichend Bergerfahrung«, unterbricht Niko.
»Es wäre doch besser, Sie nehmen jemanden mit, der Sie führt. Hier zum Beispiel, den Schorsch.« Der Wirt deutet auf den einsamen Gast, der keine Miene verzieht, und brüllt ein weiteres Mal nach hinten: »Maria! Den Hüttenschlüssel!«
»Vielen Dank, aber wir haben eine Ortskundige in der Gruppe«, sagt Niko und nennt Katharinas Namen.
»Die Kathi«, ruft der Wirt erfreut, »die kommt also auch! Ich dachte, sie hätte nur für euch reserviert. Ja, die Kathi kennt sich aus hier. Die ist schon früher oft mit ihren Eltern hier gewesen. Ein prächtiges Mädel, schon als Kind. Eine ganz
Aufgeweckte, ganz Hübsche. Wartet sie draußen? Warum ist sie nicht mit Ihnen hereingekommen?«
Niko runzelt die Stirn, er teilt die Begeisterung des Wirtes für Katharina nicht, obwohl er zugeben muss, dass sie gut aussieht, intelligent und selbstbewusst ist. Bei einem Mann hätte er das attraktiv gefunden. Als Frau war und ist sie eine Konkurrentin für ihn.


In der Hütte: Kochen am ersten Abend

Was für eine furchtbare Küche, denkt Isabell enttäuscht. Irgendetwas riecht streng und muffig, nach Keller. Sie reibt sich frierend die Oberarme. Sie kann kaum glauben, dass die Hütte wirklich Katharina gehören soll. Zu Katharina hätte eher eine geräumige Wellness-Hütte gepasst. Isabells Blick wandert forschend durch eines der beiden Regale mit Haushaltsgegenständen. Ein Stövchen, handgestrickte Eierwärmer und einige Glaskrüge. Hier hat jemand Ausrangiertes deponiert. Becher, Schnapsgläser, Teller, zu viele Löffel und zu wenig Gabeln und Messer, das sieht nach häufigem Geschirrspülen aus. Allerdings fehlt dafür ein Waschbecken. Nach längerem Suchen findet Isabell eine alte Zinkwanne. Jetzt wird ihr klar, wo der muffige Geruch herkommt. Sie entsorgt mit spitzen Fingern ein paar alte Lappen nach draußen. Als sie zurückkommt, sitzen Siggi und Edi auf den Bänken. Niko hantiert mit souveränem Gleichmut an der Feuerstelle. Gelegentlich fallen einige Aschereste auf den Boden.
»Niko«, beginnt sie zaghaft.
»Was?« »Ich will dich ungern unterbrechen, aber wir haben kein Wasser!«
Niko dreht sich mit einem süffisanten Grinsen zu ihr um.
»Doch, doch, Wasser gibt es hier schon. Katharina hat es mir erklärt. Draußen gibt es einen Wasserlauf, wenn du raus gehst, gleich links.«
Isabell beginnt zu verstehen. »Du meinst hoffentlich nicht diese Kuhtränke mit dem verrosteten Rohr darüber?«
»Bei mir ist das einWasserlauf! Das beste Bergquellwasser, das du je getrunken hast«, erwidert Niko. Isabell ärgert sich über Nikos Unwissenheit. Sie kann kaum glauben, dass sie und Niko in der gleichen Schule gewesen sind.
»Aus dem alten Rohr kommen bestimmt giftige Metalle, so wie das aussieht.  Außerdem ist das Ding mit schwarzen Spinnweben voll.«
»Machst du Witze? Hier ist alles mit Spinnweben voll. Warte mal, bis morgen Tageslicht ist!« Niko wendet sich wieder seinem Ofen zu.
Isabell schreit auf: »Also, ganz ehrlich, das müssen wir aber noch ändern, sonst kann ich hier nicht schlafen.«
Edi tritt auf sie zu: »Er will dich doch nur ärgern, merkst du das nicht? Ich mache das mit demWasser. Siggi kann ja schon mal den Tisch decken. Was gibt es eigentlich zu essen?«
»Erbswurst«, sagt Niko.
»Erbswurst?« Isabell ist entsetzt, »Erbswurst, ist das nicht irgend so ein dehydriertes Zeug aus dem Supermarkt?«
Niko fuchtelt mit dem Schürhaken im Feuer. Er dreht sich genervt zu Isabell um. »Erbswurst gibt es schon seit hundert Jahren, es ist noch niemand daran gestorben. Man kocht es mit Wasser auf und fertig ist die Sache. So ist das in einer Hütte. Haute cuisine kannst du hier leider nicht erwarten. Ich habe reichlich Brot und Käse mitgenommen, Katharina wird auch noch ein paar Lebensmittel mitbringen. Bis dahin gibt es Erbswurst und basta.«


EHEC und ETEC

»Ich kann nicht verstehen, warum Katharina nicht kommt. Hat sie denn gar nichts weiter gesagt? Du hast dich doch mit Katharina getroffen«, bohrt er. Isabell schreckt auf.
Das ist es also! Er will sie ausquetschen über Katharina. Die ganze Zeit hat er sich schon überlegt, wie er es anfangen soll. Schon gestern auf der ersten Wanderung hat er nach diesem Treffen im Café gefragt. Der ganze Smalltalk hat nur zu diesem Zweck gedient.
»Wir wollten die Reise besprechen, wieso?«, sagt Isabell gedehnt.
»Hat sie wirklich nichts gesagt? Gibt es vielleicht irgendeinen Grund, weshalb sie uns hier in die Berge schickt und dann nicht kommt?«
»Keine Ahnung«, sagt Isabell. Sie wagt nicht, ihm in die Augen zu schauen.
»Habt ihr euch gestritten?«, fragt Edi.
»Nein, nein«, beeilt sich Isabell zu sagen, »wie kommst du darauf!«
»Nun ja, ein Herz und eine Seele seid ihr noch nie gewesen.«
»Das liegt nicht an mir«, erwidert Isabell verschnupft.
Wenn sie so tut, als wäre sie beleidigt, könnte man das Thema vielleicht schnell und unauffällig wechseln.
Edi knufft sie in die Seite und lächelt sie an.
»Erzähl dochmal, was habt ihr beiden Kaffeetanten besprochen?«
Was ist er doch für ein Mistkerl, denkt Isabell, er will mich unbedingt aushorchen. Aber ich habe ihn durchschaut. Seine weiche Stimme. Sein Lächeln. Alles nur Maskerade. Es ist widerlich! Nichts werde ich erzählen. Soll Edi sich doch denken, was er will. Dieser Nachmittag mit Katharina gehört mir. Das bleibt mein Geheimnis. Ich habe so lange gewartet, viel zu lange.
Sie schaut ihm konzentriert und kalt in die Augen. Mit einemMal ist es ganz leicht. Sie lächelt: »Es war alles bestens zwischen Katharina und mir.«
Isabell sieht seinen verunsicherten Blick. Die Runde hat sie erst mal gewonnen. Edi schweigt wieder.
Isabell konzentriert sich auf ihre Füße. Das ewig Gleiche lullt sie ein: Baum, Gras, Äste, Vogelstimmen, Fichtennadeln, Steine, Gras, Äste, Baum, Steine, Wolken, Äste, Gras. Selbst die Blase an ihrem Fuß erzeugt immer wieder das gleiche Gefühl, autsch, weg, autsch, weg. Der Wald wird langsam dichter. Der düstere Nadelwald taucht ihren Kopf in ein taubes Gefühl. Alles wird leer, jeder Gedanke wird weggesaugt von diesem Baum, Gras, Äste, Baum, Gras. Dumpfer Geruch von moderndem Holz dringt in ihre Nase. Der Takt von Edis Schuhen erscheint ihr wie einMarschlied: tuff, tuff, tuff, ta da. Als komme nun eine weiße Wolke von oben und hülle sie in eine stille Zufriedenheit. Nun ist es ihr egal, dass Edi sie gestern wegen der Sonnensteine angegriffen hat. Was immer auch der Grund war: Sie würde ihm verzeihen. Vielleicht würde sie ihm doch noch etwas über das Treffen mit Katharina erzählen. Aber was könnte sie ihm dazu sagen?
Ein paar Tage vor dem Treffen im Café hat sie aus beruflichen Gründen dieses verflixte Seminar besuchen müssen, eine stressigeWoche.
»Schauen Sie bitte noch mal ganz kurz auf.  Danke. Bevor wir in einer halben Stunde mit einem anderen Diagnoseverfahren, dem Immunabsorptionstest, weitermachen, möchte ich Sie bitten, doch nochmal einige Proben selbst in Augenschein zu nehmen. Dann kommt es später nicht zu Verwechslungen.
Kommen Sie bitte alle nach vorn?« Isabell und Evi zwängten sich hinter den Tischen vor. Sie folgten eifrig den klappernden Schritten und versammelten sich gemeinsam mit den anderen um einen Tisch. Dort lag eine rotbraune Ledermappe. Die ganze Gesellschaft war schon sehr müde. Einige unterdrückten ein Gähnen. Evi starrte über alle hinweg durch das sonnige
Fenster hinaus. Die Dozentin strahlte die Teilnehmerinnen an, als hätte sie einen Geburtstagskuchen vor sich, den sie gleich anschneiden würde. »Hier habe ich Ihnen eine sehr interessante Sammlung von seltenen Erregern aus aller Herren Länder mitgebracht. Wie Sie alle wissen, schleppen uns die Leute
durch ihre Flugreisen einige Raritäten in deutsche Krankenhäuser.
Die Tropenmedizin kommt beinahe nicht hinterher. Daher habe ich hier eine ganz, ganz neue Sammlung mitgebracht. «
Mit schnarrendem Geräusch wurde der Reißverschluss der Mappe geöffnet. Zwanzig verschlossene, gleich aussehende Glasröhrchen waren zu sehen. Verzückt griff sich FrauMeyer-Riemhofer eines der kleinen Röhrchen und hob es
hoch. »Die Erreger, die sich in den kleinen Glasgefäßen befinden, sind teilweise abgetötet und teilweise noch lebensfähig. Das kommt darauf an. Manche Bakterien fühlen sich ganz wohl in dieser besonderen Nährlösung. Ich schreibe Ihnen die Zusammensetzung später noch an die Tafel. Das Fläschchen,
das Sie hier sehen, enthält den Erreger der typischen Darminfektion, auch ETEC oder im Volksmund Montezumas Rache genannt.« Sie wartete kurz das Kichern in der Gruppe ab. »ETEC, weiß eine von Ihnen noch, wo die Abkürzung herkommt?« Eine kleine Blonde aus der zweiten Reihe murmelte
gelangweilt: »Enterotoxischer Escherichia coli.« »Ich danke Ihnen, Frau Reissmann«, sagte Frau Meyer- Riemhofer lächelnd, »also gut, Toxine hat der kleine ETECGiftzwerg, nämlich sowohl hitzelabile als auch hitzestabile
Toxine. Mehr darüber finden Sie in der Lektüre, die ich Ihnen gleich austeilen werde. ETEC unterscheidet sich also im Prinzip nicht von den hierzulande üblichen Erregern für die typischeWochenenddarmgrippe. Bis die Krankheit ausbricht, dauert es zehn bis vierundzwanzig Stunden. Außer Darmkrämpfen,
wässrigen Durchfällen und Erbrechen ist nichts zu befürchten. Nach weniger als fünf Tagen ist alles vorbei.« Frau Meyer-Riemhofer sah aufmunternd in die Runde und griff schwungvoll ein zweites Mal in ihr Waffenarsenal:
»Doch hier haben wir einen gefährlichen Vertreter aus der Gruppe der Darmbakterien: EHEC oder enterohämorrhagischer Escherichia coli genannt.« Neugierig beugten sich die Teilnehmerinnen nach vorn. Frau Meyer-Riemhofer hob vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand ein anderes Röhrchen hoch. »Die Flüssigkeit sieht bräunlicher aus«, erwähnte eine Teilnehmerin. Frau Meyer-Riemhofer nickte wohlwollend: »Nun ja, das ist kein wirklicher Unterschied, die Proben sind beide noch etwas mit Stuhl verunreinigt.
Der eigentliche Unterschied ist, dass beim EHEC nach fünf Tagen noch nicht alles vorbei ist. Das Krankheitsbild geht mit Fieber einher, ist sehr viel langwieriger und kann zu blutigem Durchfall und später zu Nierenschädigungen führen.
Letztendlich kann die Krankheit auch tödlich enden, meine Damen.« Sie schwenkte verspielt die Röhrchen. Mit zartem Gluckern befreiten sich zwei Luftbläschen, die träge nach oben wanderten. Nun hatte sie je eines der Fläschchen in der rechten und linken Hand. Sie drehte sie lässig mit den Fingerspitzen hin und her. Isabell beneidete sie um dieses Gefühl.
Dieses Gefühl der Macht über so viele Dämonen. Eingesperrt in einem kleinen Glasgefängnis. Wie ein Dschinn, der in der Flasche sitzt. Im Märchen wird er befreit. Er wird dem Befreier drei Wünsche erfüllen. Isabell brauchte keine drei Wünsche. Isabell hatte nur einen Wunsch.



Edi will weg

Ein grollendes Rumpeln lässt Eduard hochblicken. Die Wolkendecke hat sich in ein sehr dunkles Grau verwandelt. Eine diffuse Dämmerung liegt  über der Landschaft. Erste Tropfen fallen, Wetterleuchten erhellt die finstere Himmelskulisse. Eduard bleibt stehen und sieht sich um. Durch den dünnen Baumbewuchs kann er in das Tal blicken, aus dem sie am Freitag gekommen sind. Er sieht ein bekanntes Muster: einen Waldrand und in einem gewissen Abstand davon ein Gebäude mit einem Parkplatz, jetzt stehen drei Autos darauf, eines davon ist sein eigenes, sein vorläufiges Ziel. Eduard erinnert sich an dieses Bild. Beim Aufstieg waren sie hier irgendwo über einen Pfad auf den Weg gestoßen, auf dem er gerade steht. Da der Ausblick genauso war wie jetzt, kann die Stelle nichtweit sein. Jetzt wäre er beinahe zu weit geradeaus gegangen und hätte sich doch noch verlaufen. Er geht langsam weiter und sucht die Abzweigung.Die Zahl der Tropfen nimmt zu, in immer dichterer Folge klatschen sie auf die Landschaft ringsumher, auf den Weg und auf Eduard. Da sieht er die Gabelung. Er nimmt den linken Weg, der etwas unebener ist als der Weg vorher, aber das ist wie beim Aufstieg, nur umgekehrt. Der lichte Wald geht in Gestrüppinseln über, zwischen denen sich der Pfad hindurch windet, das Gefälle nimmt stetig zu. Eduard bewegt sich durch das dichte Rauschen, das ihn umgibt und immer noch lauter wird. Ein starker Windstoß treibt ihm einen Schwall harte Tropfen ins Gesicht, raubt ihm einen Moment die Sicht, ein weißer Knall erfüllt die Luft, vorwärts, nur weg, Eduard verliert den Boden unter den Füßen und rutscht halb auf der Seite liegend abwärts, unaufhaltsam. Er weiß, hier ist er so falsch wie noch nie in seinem Leben. Er versucht, sich an den kurzen Halmen festzuhalten, seine Finger in das nasse Gras zu krallen, aber nichts hilft, alles glitscht weg, der schwere Rucksack trägt das Seine dazu bei. Der sichtbare Hang ist ein großer Abwärtsbogen, der am Ende zur Senkrechten strebt. Eduard treibt auf einGestrüpp zu, sieht die letzte Chance. Eine Bodenwelle verändert seine Richtung, er streift das Gestrüpp nur, verlangsamt aber doch und bekommt beim Vorbeischlittern etwas Kratzendes zu fassen. Er hält sich mit beiden Händen daran fest, die Abwärtsbewegung kommt zu einem Stillstand. Eduard hängt am Busch in steiler Schräglage, das Gesicht auf das nasse Gras gedrückt, unter sich irgendein Nichts. Drei Elemente toben sich aus, nasskaltes Prasseln, Sturmgezaus und krachende Blitze. Eduard schmiegt sich an die Erde. Er spürt, dass er sich hier nicht mehr lange halten kann, durch die Kälte werden seine Finger allmählich gefühllos. Er muss den Rucksack loswerden, der an ihm zerrt. Um den Bauchgurt zu öffnen, sind zwei Hände notwendig. Eduard gelingt es mit der rechten Hand durch ein Wechselspiel aus Ziehen und Drücken, den Bauchgurt zu lösen. Dann winkelt er den rechten Arm an und zieht ihn unter dem Schultergurt hindurch. Um noch die linke Schulter zu befreien, sucht er sich am Busch mit der rechten Hand einen neuen Halt und lässt danach die linke los. Dabei bricht das überforderte Pflanzenstück ab, an dem er hängt. Auf der steilen Schräge beginnt er sofort wieder zu rutschen. Der Rucksack zieht ihn in die Tiefe. Er strampelt mit den Beinen, um sich Auftrieb zu verschaffen, erreicht aber nichts, seine letzten Griffe nach dem rettenden Busch gehen hektisch ins Leere. Eduard schreit. Er fällt.

(...)

Entnommen aus:

Ehlert, Butzmann, Sinca, Manji, Seidler  Nebelkopfhütte
Erschienen im seidler verlag 
14,80 EUR  ISBN 978-3-931382-45-2 

Dienstag, 8. November 2011

Gedicht des Monats

Das Gedicht des Monats November stammt von Olga Manji:


Nach dem Gewitter

Du, meine Freundin, sagst,
ich soll keine Liebesgedichte schreiben.
Ich aber male meine Schillerverse
auf Regenwolken und werfe sie ins Wasser.
Siehst du die hingestreckte Baumgestalt
im Urwaldfluss des Auenwaldes,
im Brand der Sonne nach dem Gewitter?
Die nackten Glieder emporgereckt,
verschlungen wie im Liebeskampf,
sonnt sich der glatte Stamm im Dunst,
licht und leicht, sich auf dem Wasser spiegelnd.
Hin und wieder ein Vers, abgelauscht den Wellen,
einem Strömen gleich aus grünen Augen.

Und du, meine Freundin sagst,
ich soll keine Liebesgedichte schreiben.
Ja, ja, bereift bin ich schon. Eine raurindige Eiche,
emporgehoben in den blauen Himmel der Heiterkeit.
Auch wenn er nach einer Liebesnacht wegschwimmt
wie ein Stück Holz, das du aus den Augen verlierst.
Mir bleibt der Schimmer seiner Niederungen
wichtiger als der Glanz von tausend Flussperlen.
Meine Freundin, sein Strudeln und Wirbeln
in meinem schillernden Gedächtnis
ist mein einziger Trost.
Zwei heiße Tropfen auf dem Blatt einer Brennessel,
Verse, hin und wieder, wie ein fernes Donnergrollen.



Entnommen aus der Heftanthologie "Romantikspiegel" der LitOff, erschienen 2006 anlässlich des Literatursommers Baden-Württemberg. 
Weitere Informationen über Olga Manj finden Sie auf ihrer Autorenseite.


Samstag, 29. Oktober 2011

Die LitOff im Radio

Am Montag, den 31.10. werden einige Mitglieder der Heidelberger Literaturgruppe LitOff beim Radiosender Bermudafunk zu Gast sein. Die Sendung läuft von 20 bis 21 Uhr, heißt Franks Poesie-Cocktail und wird von Frank D. Montalbano moderiert. Zu hören gibt es (logischerweise) Poesie, ein wenig Prosa, ich werde aus der Blogosphäre berichten und - wenn die Zeit reicht - mein erstes Theaterstück vorstellen, das nächstes Jahr in Frankfurt auf die Bühne geht.
Empfangbar ist der Bermudafunk im Rhein-Neckar-Dreieck oder übers Internet.
Hier ist der Link: www.bermudafunk.org 


Donnerstag, 27. Oktober 2011

Kurzgeschichtenwettbewerb des MDR 2012

Zum mittlerweile 17. Mal schreibt der Mitteldeutsche Rundfunk seinen Literaturpreis aus. Der Wettbewerb richtet sich an deutschsprachige Autoren, die bereits literarische Texte veröffentlicht haben.
Hier sind die Regeln:

1. Eingereicht werden dürfen nur erzählende Texte (Kurzgeschichte, Shortstory).
2. Das Manuskript darf 15 Vorleseminuten (ca. 6 Seiten mit je 30 Zeilen á 60 Anschläge oder rund 11.000 Zeichen) nicht überschreiten und muss in zwei Exemplaren eingereicht werden.
3. Jeder Einsender muss sich auf einen unveröffentlichten Text beschränken.
4. Der Einreichung müssen eine Übersicht über bisherige Veröffentlichungen und eine Kurzvita (12 Zeilen) beiliegen.
5. Das Manuskript darf keinen Autorennamen enthalten.
6. Einsendeschluss ist der 31. 01. 2012.

Das ist die Adresse:

Mitteldeutscher Rundfunk
Figaro
Kennwort: Literaturwettbewerb
Postfach 100122
06140 Halle

Und das gibt es zu gewinnen:

1. Preis: 5.000 Euro
2. Preis: 2.000 Euro
3. Preis: 1.500 Euro
Publikumspreis: 1.000 Euro
Weitere Teilnehmer der Endrunde erhalten ein Honorar.
Darüber hinaus werden 25 Kurzgeschichten von Michael Hametner in der Anthologie "Das Beste aus dem MDR-Literaturwettbewerb" veröffentlicht, auch dafür gibt es ein Honorar.

Allzu große Hoffnungen sollten sich Autoren und Autorinnen aber nicht machen. 2011 wurden nicht weniger als 2.180 Kurzgeschichten eingesandt. Und erfahrungsgemäß werden es von Jahr zu Jahr mehr.
Trotzdem: Viel Glück! 

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Vorschau: Lesung Edith Brünnler

Liebe Literaturfreunde,

ist das nicht herrlich da draußen? Bienen tummeln sich in den wärmenden Sonnenstrahlen, Astern und Dahlien verzaubern uns mit ihrer Blütenpracht, die Obstbäume leuchten rot und gelb von reifen Äpfeln und Birnen und der Duft nach neuem Wein und Zwiebelkuchen zieht durch die Straßen der Winzerdörfer. Spätsommer, denken wir und lächeln glücklich in den Tag.
Doch dann kommt der Abend – viel früher als erwartet! Ein kalter Wind braust von Norden her, dunkle Wolken schieben sich vor die Sonne, der Regen peitscht ans Fenster, Astern, Dahlien und Obstbäume färben sich grau und nun merkt auch der Letzte:
Von wegen Spätsommer! S werd Herbscht, Gewidder noch emol!
Unter diesem Titel findet
am Donnerstag, dem 27. Oktober um 19:00 Uhr
in der Stadtteil-Bibliothek Mundenheim,
Saarlandstr. 1,
67061 Ludwigshafen

meine Lesung im Rahmen der Reihe Treffpunkt Bibliothek statt. Der Eintritt ist frei.
Ich würde mich freuen, dort mit Ihnen einen fröhlich-herbstlichen Abend zu verbringen.
Natürlich können Sie auch weiter aus dem Fenster ins Graue schauen, aber denken Sie daran: Trübsinn gefährdet Ihre Gesundheit!



Buchtipp:
Edith Brünnler
Kraniche im Gegenlicht
Leiden Sie von Zeit zu Zeit unter zu vielen Verpflichtungen? Möchten Sie manchmal einfach auf einem Fensterplatz die Abendstimmung genießen, wissen aber nicht so recht, ob es der richtige Zeitpunkt ist? Waren Sie je im November auf einer Traumreise, um unter Weltmeistern Maibowle zu trinken? Wie bereits in ihrem ersten Buch beschreibt die Autorin auch hier mit spitzer Feder Alltagssituationen, in denen wir uns oft selbst begegnen.
ISBN 978-3-940218-66-7 / 16,80 € (Buch)
ISBN 978-3-940218-83-4 / 15,80 € (Hörbuch 3 CDs)

Vorschau: X. Poetenfeuer in Mannheim

X. Poetenfeuer
am Mittwoch, dem
26. Oktober um 19:00 Uhr
in der Mannheimer Abendakademie im Café U1,
U1, 16-19,
68161 Mannheim
.
 

Das Poetenfeuer wird veranstaltet vom Mannheimer Autor F. D. Montalbano. Der Reilinger Mundart-Sänger Charly Weibel und Edith Brünnler werden im Wechsel Geschichten und Lieder in Kurpfälzer Mundart zum Besten geben.
Bei dieser Jubiläumsveranstaltung werden Ihnen ein Aperitif und ein Hauptgang serviert. Der Eintritt für die Darbietung inkl. Essen und Aperitif beträgt 18.- €.
Eine Voranmeldung unter der Kurs-Nr. A16003 ist erforderlich. (Tel.-Nr. 0621/1076-150). Seien Sie dabei und Sie werden erstaunt sein, wie viele schöne Seiten Sie dem Herbst abgewinnen können. 


Donnerstag, 13. Oktober 2011

Bestseller mit Ansage


Am 08.10.11 erschien in der Rhein-Neckar-Zeitung ein Artikel von Karolin Köcher, der die Kniffe und Tricks der Werbeprofis in der Buchbranche bloßlegte. Was viele schon geahnt haben, wurde bestätigt: Bestseller entstehen nicht am Markt, sondern in den Hexenküchen der Verlage, genannt Marketingabteilungen. Ziel ist es, den Willen des Publikums möglichst effizient zu manipulieren.

Professor Erich Witte von der Universität Hamburg meint, ein Bestseller sei zu neunzig Prozent machbar. Und er liefert auch gleich das Rezept dazu: „Man nehme einen Autor, der sich gut und gern inszenieren lässt, einen Stoff, der oberflächlich genug ist, um die Massen zu interessieren - idealerweise leicht autobiografisch, so dass Autor und Hauptperson des Buches scheinbar eine Einheit bilden -, und eine Werbung, die in die Zeit passt. Wenn der Verlag nun noch mit einer hohen Startauflage droht, möchte ich den Leser oder Journalisten sehen, der es sich leisten möchte, bei diesem Buch nicht mitreden oder -schreiben zu können."

Besonders grotesk erscheint, dass Sachbuchinhalte gleich als Paket mitsamt dem Autor an TV-Sender verschachert werden. Bekannteste Beispiele sind Thilo Sarrazin (Deutschland schafft sich ab) und Jonathan Safran Foer (Tiere essen).
Andererseits ist das aber auch verständlich, denn allein die ARD muss jede Woche fünf Talkshows mit Themen und Gästen bestücken. Allerdings müsste konsequenterweise der Hinweis „Dauerwerbesendung“ ins Bild eingeblendet werden.

Hier noch ein paar Beispiele für Themen, auf die wir nicht länger verzichten können:      
Karl-Theodor zu Guttenberg hat doch jetzt viel Zeit. Bitte einen autobiografischen Roman vorlegen mit dem Titel: Wie ich Opfer einer Hetzjagd wurde und trotzdem immer gut frisiert war. Das reicht locker für fünf Talkshow-Auftritte, zwanzig große Artikel in den Feuilletons und 300.000 verkaufte Exemplare.  
Guido Westerwelle wird demnächst vermutlich viel Zeit haben. Motivationsbücher laufen immer. Seines könnte heißen: Außenminister - wenn ich es schaffe, schafft es jeder!

Ehemalige Viva-Moderatorinnen sind gute Zugpferde, siehe Charlotte Roche (sehr erfolgreich) und Sarah Kuttner (nicht ganz so erfolgreich). Wer fehlt noch in der Reihe? Richtig: Gülcan Kamps.
Und was macht eigentlich Verona Pooth zurzeit? Auf ihr Buch darf man besonders gespannt sein.            

Weitere Vorschläge bitte direkt an die Verlage bzw. TV-Sender schicken.


Sonntag, 9. Oktober 2011

Kurzgeschichte des Monats

Die Kurzgeschichte des Monats Oktober stammt von Lothar Seidler:


Der Besuch


I.

Der Morgen war wie üblich. Bevor ich in die Redaktion ging, brauchte ich noch den Kugelschreiber. Ich vermutete ihn unter dem Schreibtisch und bückte mich. Der Stift lag neben einem merkwürdig staubfreien Rechteck von etwa einem viertel Quadratmeter Größe, das sich links vom Stuhl befand. Ich hob das Schreibgerät auf und ging zur Sitzung.


II.

Abends saß ich am Schreibtisch. Der leere Bildschirm des Computers blickte mich an. Hier sollte jetzt Text entstehen, so daß ich den Blick erwiderte. Die Redaktion wünschte sich eine literarisch-kulturelle Betrachtung für das Feuilleton – ›Hat Goethe ausgedient?‹. Da unter dem Stapel unaufgefordert eingesandter Manuskripte nichts Passendes zu finden war, hatte ich den Auftrag erhalten. Die Ideen weigerten sich jedoch standhaft, aus dem Zettelkasten oder aus den Tiefen meines Gehirns hervorzusprudeln. So fiel mein Blick wieder auf das Rechteck neben dem Schreibtisch, in dem jetzt eine kleine fahlgrüne Kugel lag. Ich nahm sie mit zwei Fingern auf. Sie hatte die Größe einer Erbse und fühlte sich auch so an. Achtlos legte ich sie auf den Schreibtisch. Da eine Idee weiterhin ausblieb, kam ich auf den Gedanken, wieder einmal den Teppichboden abzusaugen. Die staubfreie Fläche war wahrscheinlich dadurch entstanden, daß dort längere Zeit ein Karton herumgestanden war. Allerdings konnte ich mich daran nicht so recht erinnern. Den Computer schaltete ich aus. Ich rechnete damit, daß mir eher dann etwas Sinnvolles einfiel, wenn ich es nicht sofort eintippen konnte.
Schließlich erfüllte das gleichmäßige Brummen des Staubsaugers den Raum, den ich in langen Bahnen durchzog. Als ich in die Nähe des Schreibtischs gelangte, lag die Kugel wieder auf dem Boden. Sie war offenbar von der Platte heruntergerollt und in die staubfreie Fläche gefallen. Unter das Motorgeräusch mischte sich das Telefon. Als ich abhob, meldete sich Pierre, der unbedingt die neue Trendkneipe testen wollte. Da mir die Saugerei auf die Nerven ging und ich immer noch keine Idee für den ausgedienten Goethe hatte, sagte ich zu. Bevor ich ging, warf ich die Erbse in den Papierkorb.
Bei meiner Rückkehr hatte ich zwar immer noch keinen Einfall, aber ein paar Eindrücke von der Kneipe und von Pierres Gerede. Beides wollte ich wenigstens auf einer Karteikarte festhalten, um es später einmal zu verwenden. Als ich zum Schreibtisch kam, sah ich auf den Boden. Meine Reinigungsbemühungen von vorher endeten in der Nähe des ominösen Rechtecks, und dort lag schon wieder die Erbse. Offenbar hatte ich den Papierkorb verfehlt, so daß sie auf dem Teppich gelandet war. Jetzt hatte ich aber genug davon. Trotz der unbürgerlich späten Stunde beschloß ich, den Staubsauger noch einmal zu bedienen. Ich stülpte das Rohr über die Erbse und schaltete das Gerät ein. Das klickende Geräusch im Schlauch zeigte an, daß die Erbse ihren Weg in den Staubfänger genommen hatte. Als ich das Rohrende anhob, lag sie unverändert an ihrem Platz. Also wiederholte ich den Vorgang. Wieder hörte ich das Geräusch der Erbse. Während der Staubsauger noch lief, meldete sich das Telefon. Ich schaltete den Sauger ab und nahm den Hörer. Ein pfeifendes Geräusch empfing mich, ähnlich dem eines Fax-Geräts. Bevor ich auflegen konnte, hörte ich eine undefinierbare hohe Stimme, von der sich nicht sagen ließ, ob sie männlich oder weiblich war:
»Lassen Sie das!«
»Wer spricht da?« fragte ich.
»Ein Name würde Ihnen nichts erklären. Aber ich fürchte, Sie müssen eine geringfügige Einschränkung innerhalb der von Ihnen beanspruchten Koordinaten hinnehmen. Ein Bruchteil von 0,38 Prozent ist gewissermaßen in meinen Besitz übergegangen. Sie würden wahrscheinlich sagen, es erfolgte durch eine Art Preisausschreiben, das dort stattfand, wo ich herkomme. Dorthin werde ich jetzt zurückkehren, um noch ein paar notwendige Dinge zu holen. Dann auf gute Nachbarschaft.«
Es knackte in der Leitung, die Verbindung war unterbrochen. Wahrscheinlich hatte sich tatsächlich jemand durch das Staubsaugergeräusch stören lassen. Der Mensch besaß allerdings eine merkwürdige Art von Humor. Die Erbse war jedenfalls endlich verschwunden. Da ich auf anonyme Anrufe nicht zu reagieren pflege, reinigte ich gleich die ganze Wohnung. Das Rechteck neben dem Schreibtisch unterschied sich nun nicht mehr von dem übrigen Teppichboden. Ich ging zu Bett.


III.

Am nächsten Morgen. Ich lag neben dem Schreibtisch auf dem Bauch. In dem Rechteck auf dem Boden war der Teppich verschwunden. Statt dessen befand sich dort eine glatte Fläche in dem ursprünglichen Beigegrau. Darauf lagen kleine geometrische Körper – verschiedene Quader, Würfel und Zylinder – unregelmäßig verstreut wie Bauklötze. Sie hoben sich nur durch ihre Form vom Untergrund ab. Mein Blick war auf die Erbse gerichtet, die zwischen den Gegenständen hin und her huschte. Schließlich überwand ich meine gebannte Lähmung und berührte die kleine fahlgrüne Kugel, die sofort stehenblieb. Das Telefon gab Alarm. Ich versuchte, es zu ignorieren, aber es ließ nicht locker. Schließlich riß ich mich von dem Bild los und nahm den Hörer ab. Erst ertönte dasselbe Pfeifen wie am Tag zuvor, dann sagte die geschlechtslose Stimme:
»Lassen Sie das!«
Stumm starrte ich auf das Rechteck.
»Hat es Ihnen die Sprache verschlagen? Macht nichts. Wir schließen am besten ein Abkommen. Sie lassen mich in Ruhe und ich Sie.«
»Spreche ich mit der kleinen grünen Kugel?«
»Es ist durchaus möglich, daß ich in Ihrer optischen Wahrnehmung so erscheine.«
»Was soll das Ganze?«
»Wie ich schon einmal ausführte, ein minimaler Anteil Ihrer beanspruchten Fläche gehört jetzt mir. Und diesen kann ich nutzen, wie es mir beliebt.«
»Wer sagt, daß Ihnen der gehört?«
»Ich habe eine Urkunde.«
»Wer soll denn die ausgestellt haben?«
»Die Einzig Zuständige Behörde.«
»So ein Quatsch.«
»Sagen Sie das nicht. Die Behörde ist für alle Koordinaten zuständig, die erreichbar sind und bei denen es Sinn macht, sie zu erreichen. Aber das ist ein ausgedehnter Bereich. Und darum ist die Behörde auch ziemlich groß ...«
»Das klingt ja interessant. Dann bis später mal.«
Ich legte auf. Inzwischen war mir ein Verdacht gekommen. Zwar schien kein rechter Sinn dahinter zu sein, aber hier hatte sich wohl ein übereifriger Elektronikbastler, der irgendwie in meine Wohnung gelangt war, einen Scherz erlaubt. Da die Apparatur auf eine direkte Berührung reagierte und ich nicht wissen konnte, was noch für Überraschungen darin verborgen waren, holte ich ein scharfes Messer. Damit schnitt ich den Teppichboden im Abstand von einer Handbreite um das Rechteck herum auf. Die Erbse flitzte unbeeindruckt zwischen den Quadern, Würfeln und Zylindern hin und her. Nachdem ich das rahmenförmige Teppichstück entfernt hatte, mußte ich feststellen, daß das Rechteck genau mit der Oberfläche des Estrichs abschloß, der sich unter dem Teppichboden befand. Steckte demnach der Mechanismus, der die Erbse antrieb, im Boden oder sogar in der darunter liegenden Wohnung? Ich kratzte mit dem Messer direkt neben der glatten Fläche ein Loch in den Estrich. Die Schicht in der Farbe des Teppichbodens mußte hauchdünn sein, da sie im Profil nicht zu sehen war. Bei meinem Versuch, das angemaßte Grundstück der Erbse zu unterhöhlen, brach die Klinge ab. Sie beschrieb einen hohen Bogen durch die Luft und landete mitten in dem Rechteck. Die Erbse blieb stehen.
Erwartungsgemäß meldete sich das Telefon. Im Hörer ertönte wieder das Pfeifen, gefolgt von der bekannten Stimme:
»Ihr Betragen ist eigenartig und höchst ungebührlich. Wir hatten doch ein Abkommen geschlossen!«
»Das beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. Ich dulde keine beweglichen Erbsen in meiner Wohnung.«
»Ich nehme an, daß sich der letzte Satz auf mich bezieht. Ich liege jedoch singularisch und nicht pluralisch vor. Im übrigen möchte ich das Verfahren jetzt vereinfachen. Daher schlage ich vor, Sie versuchen einen der für Sie fremdartigen Gegenstände, die Sie hier erblicken, oder auch mich selbst zu zerstören. Gelingt Ihnen das, so werde ich Sie nicht mehr belästigen und das Grundstück in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Im anderen Fall müssen Sie sich mit mir abfinden. Das Angebot gilt in Ihrer zeitlichen Dimension ab sofort, bis Sie aufgeben oder Erfolg haben.«
Die Erbse unterbrach die Verbindung. Sie war nicht mehr zu sehen.
Ich nahm die Klinge wieder aus dem Rechteck heraus und holte dann den größten Hammer und ein Stemmeisen aus der Werkzeugkiste. Damit machte ich mich ans Werk. Zuerst versuchte ich mit immer wuchtigeren Schlägen, einen der geometrischen Körper zu zerschlagen oder aus der Verankerung zu brechen. Das fremde Material zeigte jedoch nicht einmal einen geringfügigen Kratzer, genauso wenig wie die glatte Oberfläche des Rechtecks. Daher war es eher ein Akt der Verzweiflung, als ich die Schlagbohrmaschine anschloß. Obwohl schließlich der Motor heißlief und abschaltete, unterschied sich das Ergebnis durch nichts von dem vorherigen. Das Telefon meldete sich ein weiteres Mal.
»Wollen Sie das Haus abreißen?«, fragte eine Frauenstimme.
»Nein, nein, ich bin schon fertig.«
»Dann ist ja gut.«
Es knackte in der Leitung. Bevor ich ebenfalls auflegen konnte, sprach die Erbse im Hörer:
»Darf ich jetzt ungestört hierbleiben?«
»Bleibt mir wohl nichts anderes übrig, aber im Keller ist viel mehr Platz. Außerdem stört es mich dort nicht.«
»Dazu hat aber die Einzig Zuständige Behörde keine Zustimmung gegeben.«
»Die hat hier bestimmt keine Bedeutung.«
»Behörden definieren ihre Kompetenz durch sich selbst.«
»Wie kommt diese Behörde eigentlich dazu, in fremden Wohnungen Grundstücke zu vergeben. Früher nannte man das Kolonialismus.«
»Ein höchst komplexer Begriff, der hier nicht unbedingt anwendbar ist, da nicht ein anderes Kollektiv daraus Nutzen ziehen will, sondern nur ich persönlich.«
»Diese Diskussion wäre noch zu führen. Immerhin war ich zuerst da.«
»Was heißt das, zuerst?«
»Ich bin schon einige Zeit hier, während Sie erst jetzt aufgetaucht sind.«
»Verstehe, aber da die Zeit wie jede andere Koordinate willkürlich wählbar ist, tut das nichts zur Sache.«
»Bei mir schon.«
»Daran kann ich nichts ändern.«
»Ich nehme an, daß ich jetzt ein außerirdisches Wesen in der Wohnung habe.«
»Wenn Sie so wollen.«
»Habe ich nun, oder habe ich nicht?«
»Da ich mich hier aufhalte, bin ich nicht außerirdisch.«
»Das ist Ansichtssache.«
»Für mich nicht.«
Ich wechselte das Thema:
»Bleiben Sie länger?«
»Ich denke schon. Und nachdem die Formalitäten geklärt sind, möchte ich mich abermals den wichtigen Dingen zuwenden. Guten Tag.«
»Halt!« rief ich in das Knacken im Hörer, aber die Erbse hastete bereits wieder von einem Bauklotz zum anderen.
Trotz allem hatte ich jetzt eine Sensation auf dem eigenen Teppich, und dies gedachte ich auszunutzen. Als erstes photographierte ich die rechteckige Fläche mit dem dahinrasenden Erbsenwesen, das sich durch die Blitze nicht beeinträchtigen ließ, aus allen denkbaren Blickwinkeln. Eine Filmaufnahme wäre natürlich besser gewesen. Da fiel mir Pierre ein. Als ich ihn anrief, war er zu Hause.
»Ich brauche sofort dich und eine Videokamera.«
»Wofür?
»Ich möchte ein paar Bewegungsstudien durchführen, und es eilt!«
»Das geht jetzt aber nicht.«
»Wann dann?«
»Heute abend um sieben.«
»Hast du auch etwas, um ein Telefongespräch aufzuzeichnen?«
»Was hast du bloß vor?«
»Betriebsgeheimnis.«
»Klingt ja beinahe spannend. Jedenfalls bringe ich alles mit.«
»Aber pünktlich.«
Wir legten auf. Da ich nicht wissen konnte, ob der Außerirdische nicht demnächst wieder in die Tiefen des Alls verschwinden würde, mußte ich jetzt improvisieren. Mit Klebestreifen befestigte ich vor der Hörmuschel des Telefons ein Mikrophon, das ich an den Kassettenrekorder anschloß. Über Kopfhörer konnte ich so verstehen, was der Außerirdische sagen würde, während gleichzeitig alles aufgezeichnet wurde. Meine eigene Stimme wäre dann zwar auf dem Band nicht zu hören, was jedoch nicht so sehr störte. Um angerufen werden zu können, legte ich statt des Hörers den Hammer auf die Telefongabel.
Jetzt fehlte nur noch eine Kontaktaufnahme, allerdings hatte mir der kleine Grünling seine Telefonnummer nicht mitgeteilt, und die Auskunft hätte mein Anliegen sicher nicht verstanden. Ich berührte das Wesen mit dem Zeigefinger. Es lief einfach weiter. Also holte ich das Buch mit Goethes Gedichten in zeitlicher Reihenfolge und stellte es mitten zwischen die Bauklötze. Augenblicklich war das Zimmer von einem grellen Pfeifen erfüllt, das aus den Wänden, der Decke, dem Fußboden und auch aus jedem Möbelstück drang. Ich hielt mir die Ohren zu, denn ich hatte nicht einmal den Kopfhörer aufgesetzt. Als ich den Griff vorsichtig lockerte, hörte ich die Stimme des Außerirdischen:
»Entfernen Sie das bitte, sonst muß ich es tun!«
Die Konturen des Buchs begannen zu verschwimmen.
»Halt!« rief ich ein weiteres Mal.
Das Buch mit Goethes Gedichten in zeitlicher Reihenfolge bekam wieder seine festen Umrisse. Ich nahm es aus der Gefahrenzone, da ich wenigstens nicht auf diese Weise darauf verzichten wollte. Allerdings fragte ich mich, über welche Fähigkeiten die Erbse sonst noch verfügte. Technisch gesehen, hatte sich die Lage immerhin vereinfacht. Ich entfernte das Mikrophon vom Telefonhörer und schaltete den Rekorder ein.
»Gute Idee, nicht mehr das Telefon zu benutzen«, begann ich das Gespräch.
»Ich wählte diese andere Art der Kommunikation, da sie mir adäquater erscheint.«
»Wie funktioniert es?«
»Transponierte Exaltationen von Materie.«
»Aha. Und was bedeutet das?«
»Ein technischer Begriff, weiter nichts.«
»Nein, ich meine, wie funktioniert die Technik?«
»Die Materie wird transponiert exaltiert.«
»Darf ich eine andere Frage stellen?«
»Um Ihnen Zeit zu ersparen, nein.«
»Aber es ist wichtig.«
»Wichtigkeit ist ein relativer Begriff.«
Im Zimmer knackte es wie im Telefon. Als sich nichts weiter regte, schaltete ich den Rekorder wieder aus.


IV.

Bis zum Abend hatte das Wesen keinen Laut mehr von sich gegeben, meine gelegentlichen Rufe hatte es ignoriert. Die kleine Kugel huschte weiterhin unregelmäßig über das Rechteck. Während ich auf Pierre wartete, bekam ich Hunger. Ich stellte einen Teller mit Radieschen vor mich hin und blätterte dann in dem Gedichtband. Bei einem der fahrigen Griffe zum Teller rollte ein Radieschen zu Boden. Ich bückte mich und sah, daß es zwischen den Bauklötzen des Außerirdischen gelandet war. Bevor ich es aufheben konnte, verschwand es.
»Hallo!« rief ich, aber die Erbse antwortete nicht.
»Hallo! Mein Radieschen!«
Eigentlich hatte ich auch keine Reaktion erwartet. Mechanisch blätterte ich weiter in Goethes zeitlich sortierten Gedichten. Als ich gerade die Widmung an einen Schreibtisch las, ertönte das bekannte Pfeifen des Außerirdischen aus der Wand und dann dessen Stimme:
»Kann ich noch eins bekommen?«
»Was?«
»Soweit ich weiß, nennen Sie es Radieschen.«
»Nur dann, wenn ich ein paar Fragen beantwortet bekomme.«
»Zuerst das Radieschen!«
Ich schaltete den Rekorder ein.
»Was ist daran so interessant?«
»Für eine Manifestation von gewöhnlicher Materie hat es eine höchst ungewöhnliche Isotopenzusammensetzung.«
»Was bedeutet das?«
»Jetzt habe ich die Frage für das erste Radieschen beantwortet, also möchte ich nun das zweite.«
»Die Antwort reicht nicht. Außerdem habe ich noch viel mehr Fragen. Zum Beispiel, was einen Außerirdischen dazu bewegt, auf dieser für ihn fremden Welt zu siedeln. Nach Beantwortung der Frage gibt es wieder ein Radieschen.«
»Ich bin nicht außerirdisch. Und wenn ich nicht sofort ein Radieschen bekomme, beantworte ich überhaupt keine Fragen mehr. Nebenbei ist Neugier unhöflich!«
Ich legte ein Radieschen neben die Erbse, die bei einem der Zylinder stand. Das Radieschen verschwand sofort. Ich wartete auf eine Äußerung des Außerirdischen, der keiner sein wollte, aber ich wartete vergeblich.
»Was ist jetzt mit der Antwort?« fragte ich nach einer Weile in Richtung auf das Rechteck, wo die Erbse immer noch an derselben Stelle stand. Genauso gut hätte ich in das kosmische Vakuum hineinrufen können. Während ich die kleine Kugel anstarrte, veränderte sich ihre Farbe von fahlgrün zu lindgrün und wieder zurück. Sie begann, zwischen verschiedenen Grüntönen hin und her zu wechseln. Schließlich setzte sie sich in Bewegung, allerdings im Kriechgang. Sie schien zu torkeln.
»Radieschensaft ...« sang es aus dem Schreibtisch. »Radieschensaft ... der ist gesund ... und der gibt Kraft ...«
»Was ist jetzt mit der Antwort?« wiederholte ich.
»Antworten sind ... Schall und Rauch ...«
Der Außerirdische war betrunken, berauscht von irdischen Radieschen. Hoffentlich machte er keine Dummheiten. Die Türklingel kündigte an, daß Pierre gekommen war.

(..)


Entnommen aus:
Lothar Seidler  Der Zufallskurier
Er erreicht oder verfehlt immer sein Ziel. Die Frage ist, welches.

Biografische Notiz:
Lothar Seidler, geboren 1957 in Nürnberg, promovierter Diplombiologe, übersetzt und lektoriert freiberuflich molekularbiologische Fachbücher, schreibt vor allem (Kurz-)Prosa mir einem gewissen Hang zum Absurden. Begründer und Inhaber des kleinsten Verlagshauses in Heidelberg.

Gedicht des Monats

Das Gedicht des Monats Oktober stammt von Loma Eppendorf:

Herbst am Teich
 
Ein welkes Blatt
von Sonnenwärme satt.
fällt es so sanft,
als würd’ es fortgelegt
von leichter Hand
auf eines Spiegels Rand.


 
 aus:
"Unter herbstlichen Sternen"
Theo Czernik Verlag
Edition L
ISBN: 978-3-934960-98-5
19,80 € /


Über die Autorin:
Loma Eppendorf ist gebürtige Hamburgerin. Seit 1956 lebt sie in Mannheim. Als Dipl. Bibliothekarin der Literatur verbunden schreibt sie seit Jahren Lyrik und Prosa. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien sowie dem Gedichtband: „Erkenne die Zeichen“. Loma Eppendorf war lange Jahre Mitglied bei den Räubern 77 und ist seit Mitte 2011 Mitglied der Literatur-Offensive.

Montag, 3. Oktober 2011

Wettbewerb Deutsch schafft Wissen

Deutsch war einmal die wichtigste Sprache der Wissenschaften, bis es vor einigen Jahren durch Englisch abgelöst wurde. Das Goethe-Institut fragt, welche Position unsere Sprache heute einnimmt und hat deshalb den Wettbewerb Deutsch schafft Wissen ins Leben gerufen.

Das hehre Ziel lautet: Zeigen Sie, dass die deutsche Sprache in den Wissenschaften Zukunft hat.
Erwünscht sind Ideen, die die Beziehungen zwischen der deutschen Sprache und den Wissenschaften versinn(bild)lichen - in Form einer grafischen Skizze, eines witzigen Werbespruchs oder eines ausgereiften Plakatentwurfs.

Auch die Preise können sich sehen lassen:
1. Preis: 3.000 Euro sowie eine Reise nach Essen zur Preisverleihung am 10.11.2011.
2. und 3. Preis: jeweils 1.000 Euro.

Einsendeschluss ist der 16.10.2011. 

 

Mittwoch, 28. September 2011

Vorschau : Lesung von Claudia Schmid und Anette Butzmann


Feinsinnig ausgetüftelte Morde und raffinierte Rezepte gehören zusammen wie Hühnerbrust und Gänsehaut - und im lieblichen Nordbaden ist längst nicht alles so idyllisch wie es scheint. Hier wird geliebt, gehasst, gesotten und gemordet, und so manch einer wird die Nachspeise nicht erleben. Tödliche Häppchen heißt die druckfrische Anthologie der Mörderischen Schwestern. Die Krimiautorinnen Claudia Schmid und Anette Butzmann präsentieren den Rheinterrassen-Krimi, spannende Mordsgeschichten und ein Hörspiel.

Zeit: Donnerstag 6. Oktober 2011 um 19:30 Uhr
Ort: Mannheim, Gaststätte "Rheinterrassen" (Rheinpromenade 15)

Mittwoch, 14. September 2011

Kurzgeschichte des Monats

Die Kurzgeschichte des Monats September stammt von Nils Ehlert:


Autodafé

"Sie haben - was?", fragte Egbert. Er war sich unsicher, ob er richtig gehört hatte.

"Ein Autodafé." Der Antiquitätenhändler schenkte ihm ein Verkäuferlächeln. "Möchten Sie es sehen?"

"Gern. Sehr gern sogar, wenn Sie es mir zeigen wollen." Egbert spürte eine wohlige Nervosität und nestelte an seiner Brille mit den dicken Gläsern.

"Kommen Sie", sagte der Antiquitätenhändler.

Er strebte quer durch seinen Laden, und Egbert folgte ihm. Das Geschäft war so vollgestellt, dass ihm die Ausmaße erst jetzt auffielen, als er durch die vielen Möbel, Skulpturen und Bilder hindurchging. Er hätte sich gern genauer umgesehen, doch der Antiquitätenhändler huschte so flink voraus, dass Egbert Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten. Je tiefer sie in den Laden vordrangen, desto spärlicher wurde das Tageslicht von den Schaufenstern. Egbert kniff die Augen zusammen, um den Antiquitätenhändler nicht zu verlieren, und stieß sich dabei einige Male an hervorstehenden Gegenständen. Einmal verlor er beim Stolpern fast seine Brille und fluchte leise.

Eigentlich hatte er nur ein wenig stöbern wollen. Die besten Funde hatte er stets in Läden wie diesem gemacht. In den Geschäften, in denen makellos herausgeputzte Stücke vereinzelt unter goldgelbem Lampenlicht standen und mit Echtheitszertifikat auf Büttenpapier versehen waren, gab es keine Überraschungen, und alles war viel zu teuer. Wie anders waren die Geschäfte, die eher einer Rumpelkammer glichen, sie enthielten neben viel Plunder oft auch versteckte Schätze. Der Antiquitätenhändler hatte Egbert zuerst mit ein paar langweiligen Konkubinenstichen des 17. und 18. Jahrhunderts abspeisen wollen, doch Egbert hatte gespürt, dass in diesem Laden etwas Großes und Einmaliges auf ihn wartete. Er hatte dem Antiquitätenhändler mit erhobenen Augenbrauen klar gemacht, dass er zwar Laie und privater Sammler war, aber kein Anfänger und auf der Suche nach dem Besonderen. Das hatte gewirkt, und jetzt würde er gleich vor seinem ersten Autodafé stehen. Er hatte über Autodafés schon einiges in der Fachliteratur gelesen, aber noch nie eines wirklich gesehen. Er wusste nur vom Hörensagen, dass sie überhaupt gehandelt wurden, so selten und kostbar waren sie.

Er hatte den Antiquitätenhändler eingeholt, der an einer niedrigen Holztür auf ihn wartete.

"Ist es denn in gutem Zustand?", fragte Egbert etwas außer Atem.

"Im besten", sagte der Antiquitätenhändler, "es wurde kürzlich erst restauriert."

"Und von welchem Künstler stammt es?", bemühte Egbert sich, Kennerschaft vorzutäuschen.

"Von Jacques Naber, dem belgischen Meister. Der ist Ihnen sicher ein Begriff."

Egbert nickte verständig. Er hatte nie von ihm gehört, doch das brauchte der Händler nicht zu wissen.

Der Antiquitätenhändler öffnete die Tür, sie traten hindurch, und da lag es unmittelbar vor ihnen ausgebreitet: Ein mittelalterlicher Marktplatz im hellen Mittagslicht, darauf zwei Scheiterhaufen, eine ausgelassene, lärmende Menschenmenge rundherum, ein Scharfrichter und die Delinquenten, die gefesselt und mit gesenkten Köpfen in die Mitte geführt wurden.

"Kein schlechtes Stück", sagte Egbert vorsichtig.

"Nicht wahr?", antwortete der Antiquitätenhändler stolz.

"Woher stammt es?"

"Aus der Gegend von Nürnberg, Mitte des 16. Jahrhunderts."

"Der Marktplatz sieht eher ländlich aus. Es ist keine bloße Hexenverbrennung, hoffe ich?"

Egbert hatte gelesen, dass unter den erhaltenen Autodafés die Hexenverbrennungen auf dem Lande die häufigsten waren und unter Kennern nicht soviel galten wie andere Stücke. Ihm war auch eine einfache Hexenverbrennung recht, aber er wollte bei dem Antiquitätenhändler Eindruck schinden.

"Wo denken Sie hin?", empörte sich der Händler. "Solch gewöhnliche Ware würde ich Ihnen nicht anbieten. Sie haben es hier mit einem erstklassigen Fall von Ketzerei zu tun."

"Ich würde mich gern selbst davon überzeugen. Ich sehe nicht gut, wissen Sie, und wenn ich etwas dichter herankommen könnte, wäre mir das angenehm."

Egbert ruckte demonstrativ an seiner Brille. Er war zwar nicht kurzsichtig, sondern extrem weitsichtig wie man an seinen riesig vergrößerten Augen hinter den Brillengläsern erkennen konnte, aber dem Händler würde es kaum auffallen. Wichtig war es, jetzt nicht locker zu lassen, dafür war eine kleine Notlüge zu entschuldigen.

Der Antiquitätenhändler zögerte nicht, sondern drängte sich ungeniert durch die Traube der Menschen, die ihm unflätige Ausdrücke hinterherwarfen. Egbert bemühte sich, dicht hinter ihm zu bleiben. Der Geruch der Leute, die zum großen Teil in ärmlicher Bauerntracht gekleidet waren, raubte ihm den Atem.

Der Händler wechselte erst ein paar Worte mit dem Scharfrichter, dann stellte er Egbert die Delinquenten vor. Egbert erkundigte sie nach ihren Vergehen, und sie antworteten bereitwillig, wobei es ihm schwer fiel, ihrer altertümlichen Ausdrucksweise zu folgen. Neben dem Ketzer, einem großen hageren Mann mit scharfen Gesichtszügen, der bemüht war, keine Gefühle nach außen dringen zu lassen, waren auch zwei Hexen angeklagt, junge frische Geschöpfe, Zwillinge offensichtlich, denen die Angst deutlich anzumerken war. Sie waren einem Denunzianten zum Opfer gefallen, vermutete Egbert. Vielleicht war eine Nachbarin neidisch auf ihre jugendliche Schönheit, oder ein abgewiesener Liebhaber wollte sich rächen. Möglicherweise war es auch der Aberglaube, der das Außergewöhnliche, wie hier die perfekte Ähnlichkeit zweier Menschen, als unnatürlich verdammte. Der Ketzer, der den eigentlichen Wert des Autodafés ausmachte, interessierte Egbert nicht halb so viel wie die beiden Schwestern. Er hätte gern mehr Zeit mit ihnen verbracht, aber der Händler sah ihn erwartungsvoll und ungeduldig an.

»Das ist alles sehr schön und geschmackvoll«, sagte Egbert zurückhaltend.

»Dann möchten Sie es kaufen?«, fragte er.

»Eventuell. Ich habe ja noch nicht das ganze Stück gesehen. Man kennt ja verschiedene Fälle, in denen dann doch etwas dazwischen kommt – es fängt an zu regnen oder der Scharfrichter erleidet einen Herzinfarkt.«

»Ich kann mich nur wiederholen, das hier ist keine minderwertige Ware, sondern ein auserlesenes Werk.«

Egbert war sich sicher, dass das angebotene Autodafé ein Vermögen kostete. Er wusste, wie teuer die wenigen erhaltenen Stücke gehandelt wurden, und dieses war besonders wertvoll, wie der Anti­quitätenhändler ständig betonte. Egbert hatte genug Geld, das war nicht das Problem, doch er war nicht bereit, so viel auf einen Schlag auszugeben. Trotzdem wollte er sich nicht sofort wieder von dem Autodafé trennen. Die Gelegenheit war einmalig, seine Neugier war zu groß. Wie würde es sein, längere Zeit hier zu verbringen? Was würde passieren?

»Wären Sie bereit, es mir für ein paar Tage zur unverbindlichen Ansicht zu überlassen? Gegen entsprechende Sicherheiten selbstverständlich«, fragte er.

Der Händler zögerte. Egbert sah ihm an, dass er ablehnen wollte. Er musste eine andere Strategie versuchen.

»Sagen Sie«, bohrte er nach, »haben Sie eigentlich die Ladentür abgeschlossen, als wir nach hinten gegangen sind? Es könnten sonst ungebetene Gäste hereinkommen, nicht wahr?«

Die Mundwinkel des Händlers fielen schlagartig. Egbert hatte ins Schwarze getroffen.

»Sie haben recht«, antwortete der Händler hastig, »ich müsste längst zurück im Geschäft sein, die werte Kundschaft, nicht wahr? Möchten Sie noch etwas bleiben? Wir können uns später noch darüber einigen, wie wir am besten weiter verfahren. Nehmen Sie sich ruhig Zeit, und sehen Sie sich alles genau an.«

Noch während er sprach, kehrte er sich ab und grub sich seinen Weg zurück durch die Menge. Egbert hatte es geschafft. Er war allein mit dem Autodafé.

(...)
   
Entnommen aus:
Nils Ehlert  Böse Folgen
Erschienen im seidler-verlag.de 
10,80 EUR  ISBN 978-3-931382-43-8

Dienstag, 13. September 2011

Gedicht des Monats

Das Gedicht des Monats September stammt von Jancu Sinca:

Kleine Dinge

Wo ich auch hinseh, überall
sind kleine Dinge zu verrichten.
Dort wartet noch ein Brief auf Antwort,
hier liegt ein Zettel für den Einkauf:

ein Stückchen Butter, zwei Stück Käse,
ein wenig Schinken und Salami,
nicht zu vergessen: Brot und Milch;
und nicht zuletzt die Süßigkeiten.

Und was ist mit der Schreibarbeit?
Sie wartet noch auf die Vollendung.
Und obendrein der Stapel Wäsche,
der noch gewaschen werden muss:

das weiße Hemd für das Theater,
das morgen abend schon besucht wird,
Pullover, Hosen und die Strümpfe,
ich trag sie schon zum dritten Male.

Wo ich auch hinseh, überall
sind kleine Dinge zu verrichten.
Sie stehn im Kopf wie kreuz und quer.
Und auf den Dingen Staub, nicht mehr.


Entnommen aus:
Jancu Sinca  Das Kratzen auf dem Blatt
Erschienen im seidler-verlag.de 
9,50 EUR  ISBN 978-3-931382-40-7

Mittwoch, 7. September 2011

Das Feuilleton schafft sich ab


Kürzlich erschien auf Spiegel Online eine Polemik von Sibylle Berg über den Niedergang des deutschen Feuilletons. Darin beklagte sie sich darüber, dass es in den Kulturteilen unserer Zeitungen von "putzigen Pubertätsbüchern und Blockbuster-Besprechungen" nur so wimmelt und die Welt zu einem "großen Klumpen Mainstream verkommt". Eine treffende Beobachtung, wie ich finde.

Vermutlich hat jeder Nachwuchsautor (oder Künstler anderer Sparten) schon einmal die Erfahrung gemacht, von einem Feuilletonisten, Kulturredakteur oder sonstigem Hochwohlgeborenen abgewiesen zu werden - wenn man sie denn überhaupt erreicht. Eingelassen wird man nicht, auf Postsendungen und E-Mails reagieren sie nicht, und wenn man sie endlich mal am Telefon hat, reagieren sie mit Ausflüchten oder Desinteresse. Bloß nichts Neues wagen, keinem Außenseiter eine Chance geben - man braucht ja den Platz für die Bestseller und Blockbuster. Natürlich bleiben noch ein paar Fitzelchen für die kleinen Bücher und Filme, doch um diese balgt sich eine Unzahl von Künstlern, eine Platzkarte zu bekommen gleicht einem Lottogewinn.

Es stellt sich die Frage: Warum tun die das? Muss denn wirklich jeder große Hollywood-Film, der ohnehin ein gewaltiges Werbebudget besitzt, über halbe Seiten hinweg im Kulturteil besprochen werden? Muss ein Buch wie Charlotte Roches Schoßgebete, das mit einer Startauflage von 500.000 Exemplaren den Markt überschwemmt, auch noch von Kulturjournalisten beworben werden? Haben diese Herrschaften etwa Angst, dass Leser wegbleiben, wenn man den Massenmarkt nicht bedient?

Dabei könnten sich die Zeitungen doch gerade in diesem Bereich von den übrigen Massenmedien absetzen, indem sie den Fokus erweitern auf unbekannte Künstler und Randthemen, die vielleicht nicht immer die ganz großen Auflagen erzielen, dafür aber umso interessanter sind. So gewinnt man Profil.
Natürlich wissen die Herrschaften das. Trotzdem handeln sie nicht danach. Vielleicht bereiten sie sich schon auf die Übernahme durch Mister Murdoch oder Signore Berlusconi vor? 

Mittwoch, 17. August 2011

Autorenmarketing in der Blogosphäre

Viele Autoren beklagen sich darüber, dass ihre Bücher von den Medien nicht wahrgenommen werden. Zeitungen, Radio und Fernsehen konzentrieren ihre Berichterstattung auf die bereits bekannten Autoren oder auf reißerische Themen - Charlotte Roches neues Werk Schoßgebete ist ein unrühmliches Beispiel dafür.
Aber wahrscheinlich geht es heutzutage gar nicht mehr anders. Jedes Jahr erscheint eine gewaltige Masse neuer Bücher, und die Medien stehen unter dem Druck, eine bestimmte Quote bzw. Auflage erzielen zu müssen. Was kann der hoffnungsvolle Nachwuchsautor tun? Entweder in Agonie verfallen oder selbst etwas unternehmen.
In jüngerer Zeit ist innerhalb des Internets ein neuer Bereich entstanden, der sich mittlerweile fast schon zu einer Art Paralleluniversum entwickelt hat: die Blogosphäre. Es gibt Blogs für alles und jedes, die Bandbreite reicht von Handarbeiten bis Hochtechnologie. Jeder der will, kann mitmachen. Zahllose Blogs sind der Literatur gewidmet. Auch hier zeigt sich eine große Vielfalt, von Comics bis zur schöngeistigen Literatur. Diese Seiten werden durchaus beachtet, was man u. a. daran erkennt, dass sich viele Blogger regelmäßig für die Rezensionsexemplare bedanken, die sie von Verlagen zugeschickt bekommen. Und es gibt noch einen zweiten wesentlichen Grund, aus dem Autoren hier aktiv werden sollten: Nicht nur die Vertriebsabteilungen der Verlage beobachten die Blogs, sondern auch Marketingabteilungen und Lektorate. In keinem anderen Bereich lassen sich zukünftige Trends so einfach ablesen wie in der Blogosphäre. Der Blogger kann im Internet ein viel größeres Angebot überblicken als der Käufer im Geschäft, außerdem ist er vielfach vernetzt. Und: Der Blogger ist unbestechlich, er muss keine Quote und keine Auflage erzielen, er muss nur dem Publikum gefallen. Und das sollte auch für Autoren gelten.


Auch meine eigenen Erfahrungen in der Blogosphäre sind bislang sehr gut. Ich habe bei fünf Bloggerinnen angefragt, ob sie meinen Roman Die Frau am Fenster rezensieren möchten. Vier haben zugesagt, eine musste aus Termingründen absagen. Bereits nach weniger als drei Wochen erschien die erste Rezension. Sie ist überaus positiv - und sogar richtig gut geschrieben. Sie stammt von Sylvia von Herzbücher. Hier ist der Link zur Rezension - Die Frau am Fenster.
Bereits einige Tage zuvor veröffentlichte Sylvia ein kurzes Autorenporträt von mir.

Kurz darauf erschien bei Ankas Geblubber eine weitere, sehr wohlwollende Rezension Darin enthalten sind Links zu meiner Homepage und zu einer Fotoserie, die den Roman illustriert. Anka war sogar so freundlich, ihre Rezension in ein Video umzuwandeln und bei YouTube zu veröffentlichen.
Nach diesen Posts haben sich die Besucherzahlen auf meinen Internetseiten mehr als verdoppelt und auch die Verkäufe meiner Bücher erhöhten sich (mein Verlag rechnet tagesgenau ab), wobei mir natürlich nicht bekannt ist, auf welchem Weg die einzelnen Käufer zu mir gefunden haben.
Trotzdem ist mein Fazit eindeutig: Die Blogosphäre ist derzeit das beste, einfachste und kostengünstigste Instrument zur Selbstvermarktung.
 

Dienstag, 16. August 2011


Paperblog

Videos für Autoren


Oft fragen sich Autoren, wie ihre Bücher ein größeres Publikum finden. Ein gutes Marketinginstrument sind Videos, die man bei YouTube, Amazon und natürlich auf der eigenen Homepage einstellen kann. Die Herstellung übernimmt man entweder selbst oder lässt es von einer professionellen Firma erledigen, etwa von Zwo-Film in Köln. In dem Beispielvideo wird das Gedicht "Besser scheitern" von Samuel Beckett in drei verschiedenen Fassungen vorgestellt, wobei der Fantasie natürlich keine Grenzen gesetzt sind.
Beckett sollte uns allen als Vorbild dienen. Auch wenn man keine hohe Auflagen erzielt und keine Preise gewinnt, kann man zumindest großartig scheitern.

Das Video stammt aus dem Blog Chinesische Sonne. Herzlichen Dank an Achim Dunker.
 

Montag, 15. August 2011

Vorschau: Literaturzelt am See der Sinne


Bereits zum dritten Mal findet in Hemsbach die Veranstaltung See der Sinne statt.
Dieses Jahr sind auch die Autoren der LitOff dabei.
Ort: Hemsbach am See (im Rhein-Neckar-Kreis).
Zeit: Samstag, 27. August, 18:30 Uhr bis 22:30 Uhr.

Vorgestellt werden Texte von Lothar Seidler, Jancu Sinca, Olga Manj, Loma Eppendorf, Nils Ehlert, Anette Butzmann und Sven Ivertowski. Genießen Sie unser Programm aus Lyrik, Erzählung, Satire, Krimi, Gothic, Grusel und Erotik in einer sommerlichen Umgebung. Es ist bestimmt auch für Sie etwas dabei.
Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Hier noch eine kleine Anfahrtsskizze:


 

Donnerstag, 11. August 2011

Vorschau: Sommerfest der Initiative Buchkultur


Am Sonntag, den 21. August, lädt die Initiative Buchkultur zu ihrem fünften Sommerfest ein.
Ort: der Ebertpark in Ludwigshafen, Freigelände vor der Konzertmuschel
Zeit: 12:00 Uhr bis 20:00 Uhr

Gleichzeitig mit dem fünften Kultursommerfest feiert man das fünfte Jahr des Bestehens der Initiative Buchkultur. Statt eines Länderbezugs wie bisher werden diesmal regionale Sprachspiele zum Schwerpunkt gemacht. Ein vielschichtiges Programm mit klassischen und modernen Texten und Liedern deutschsprachiger Varianten, darunter Mittelhochdeutsch, Schwyzertütsch (Wilhelm Tell), Schwäbisch, Elsässisch, Österreichisch, Böhmisch, Jiddisch, Berlinerisch (Tucholsky) und natürlich Pfälzisch. Dabei auch Puppenspieler und Drehorgel im Dialekt. Das Ganze wieder eingepackt in Spezialitäten aus den dargebotenen Regionen, Essen und Trinken (von Slow Food), Musik, Spiele und ein umfangreiches Kinderprogramm.

Veranstalter: Initiative Buchkultur: Das Buch e.V.
Kooperationspartner: Förderverein Ebertpark e.V., Slow Food Pfalz e.V.


Dienstag, 9. August 2011

Vorschau: Lesung Claudia Schmid


Am Freitag, den 12. August, stellt Claudia Schmid ihr neues Buch   
Die brennenden Lettern in Ludwigshafen vor.
Beginn der Veranstaltung: 18:00 Uhr
Ort: Garten des Aussiedlerhofes Dieter Kreiselmeier, Kreuzgraben 28, Ludwigshafen-Ruchheim

Und darum geht es in Die brennenden Lettern:

Ein Christ und ein Jude geben im 16. Jahrhundert gemeinsam hebräische Bibeln und andere religiöse Schriften heraus. Der historische Roman von Claudia Schmid ist eine spannende Zeitreise in die Epoche der Reformation und der frühen Druckgeschichte. Der Erzähler erlebt mit wie der Reformator Paul Fagius in Isny die erste hebräische Druckerei im deutschen Sprachraum einrichtet und gemeinsam mit dem zu Fuß aus Venedig kommenden jüdischen Gelehrten Elias Levitha rund zwanzig Schriften herausgibt und vertreibt. Doch immer ist Zacharias Rugus, sein geheimer und gefährlicher Gegenspieler, in der Nähe.
Eine Lesung zwischen biblischen Pflanzen im Garten.

Sonntag, 7. August 2011

Kurzgeschichte des Monats

Die Kurzgeschichte des Monats August stammt von Claus Probst:


Das Gesetz zum Schutz der Dunkelheit

Wer seit Jahren ertrinkt, kann das Wasser nicht lieben. An Manches gewöhnt man sich nie. Gewisse Erlebnisse sind gewöhnungsresistent. Das mit dem Wasser in die Lungen einströmende Gefühl des Erstickens ist dieser Kategorie zweifellos zuzurechnen. Auch hundertfach durchlebt will es einfach nichts von seinem Schrecken verlieren, eine Angst ohne Verfallsdatum, die mich verfolgt, so lange ich zurückdenken kann, ja selbst so lange Richard zurückdenken kann, und Richard vergisst nie etwas. Schon vor Jahren, als ich ihn noch Vater nannte und mich in seinen Gesichtszügen wiederzuerkennen glaubte, versuchte er beharrlich und erfolglos, mich mit dem Wasser auszusöhnen. Gelegentlich ging er dabei mit erstaunlicher Subtilität vor und einer Raffinesse, die man einem grobschlächtigen Körper kaum zugetraut hätte.

Ich erinnere mich noch gut an einen Trinkhalm, sicherlich den schönsten Trink-
halm, den ich jemals gesehen hatte. Ich stieß wie zufällig in der Küche auf ihn, ein wahres Prachtexemplar, das in allen Regenbogenfarben schimmerte und sich sacht an den Rand eines Glases lehnte, umgeben von Mineralwasser, das prickelnd kleine Luftbläschen ausstieß, mit einem leisen Zischen, wie das einer Schlange, die nur darauf lauerte, mich durch ihre Tarnung täuschen zu können. Zu meinem zehnten Geburtstag schenkte mir Richard ein - wie ich heute zugeben muss - wunderschönes Aquarium und machte mir heftige Vorwürfe wegen jedes einzelnen Todesfalls, der die farbenprächtige Fischpopulation weiter dahinschrumpfen ließ. Meist waren seine strategischen Manöver recht komplex, doch ließ er sich gelegentlich auch zu einem offenen Angriff hinreißen, und ich erinnere mich daran, wie ich während der Sommermonate den Garten mit animalischer Wachsamkeit durchwanderte, ständig darauf gefasst, dass er hinter einem der Büsche hervorspringen und mir den Wasserschlauch genau vors Gesicht halten könnte. Des Streitens überdrüssig trafen wir schließlich eine Übereinkunft, die Richard als den kleinsten gemeinsamen Nenner bezeichnete: Ich erklärte mich bereit, das Wasser ohne Wenn und Aber in die tägliche Körperhygiene einzubinden, und er bewegte einen befreundeten Internisten dazu, mir eine Chlorallergie zu attestieren, eine Diagnose, die mich dauerhaft von der Pflicht entband, in der Schule am Schwimmunterricht teilnehmen zu müssen.

Ein weiteres Zugeständnis an Richard stellten unsere gemeinsamen Angel-
ausflüge dar, wobei ich mich mit dem Gedanken tröstete, dass mein Entgegen-
kommen genauso gut als heimliche Rache verstanden werden konnte. Aber so viele Fische ich dem Fluss auch raubte, so sehr ich der träge dahinfließenden Masse meine Überlegenheit zu demonstrieren versuchte, kaum wurde mein Gehirn durch den Schlaf seines Bewusstseins beraubt, wurden die Verhältnisse zwischen mir und dem Wasser auch schon wieder hergestellt, und wie hunderte Male zuvor versank ich im grünen Licht des immer gleichen Gartenteichs, umgeben von Stichlingen und Libellenlarven und über mir verschwommen ein Gesicht und die Hand, die mich gestoßen hatte, dahinter die Silhouette eines Kirchturms, und dann kamen die Angst und die Gewissheit, sterben zu müssen, und ein gellender Schrei, den niemand hören würde, und der in dem in mich einströmenden Wasser nur feuchtes Blubbern erzeugte.
Warum, schoss es mir durch den Kopf, dann riss mich das Entsetzen jäh aus dem Schlaf. Erleichtert wurde mir klar, dass ich mich auf dem Trockenen befand, und dass die triefende Nässe, die meinen Körper frösteln ließ, nicht den Geruch von Algen in sich trug, sondern das beißende Aroma von Angst und von Schweiß.

Wenige Wochen vor meinem fünfzehnten Geburtstag wurde meine Mutter beim Überqueren der Straße von einem Lastwagen erfasst und war auf der Stelle tot. Was immer das auch heißen mag. Vermutlich, dass ihr Gehirn durch den Aufprall zerplatzte, noch bevor es erschrecken oder etwas begreifen konnte. Lisa war eine ungemein zerbrechliche Frau gewesen, ängstlich und vorsichtig, ein Mensch, der zeitlebens jedes Risiko vermieden hatte. Dass ausgerechnet sie auf einem Zebrastreifen sterben musste, Einkaufstaschen schleppend und vor sich das grüne Männchen, das ihr aufmunternd entgegenleuchtete, wirkte ernüchternd, so als habe der Tod persönlich klarstellen wollen, dass auch mit Vorsicht nichts gegen ihn auszurichten war.
"Die Welt ist ein Ort ohne Gnade", brach es aus Richard heraus. "Gäbe es irgendeine Alternative, man müsste sie auf der Stelle verlassen. Als befände man sich auf einer gottverdammten Insel, und es gäbe dort nur einziges beschissenes Hotel." Ich sehe noch seine geballten Fäuste vor mir, Fäuste an herunter-
hängenden Armen, die nicht wussten, auf wen sie einschlagen sollten.
Lisa wurde an einem Mittwochmorgen beigesetzt. Eine trockene, bewegungslose Kälte lag über den Gräbern, und der gefrorene Boden knirschte wie eine Warnung unter den Schritten der Trauernden. Nachdem die Karawane der Kondolierenden an uns vorübergezogen war, griff Richard in die Innentasche seines Mantels, brachte mit zitternder Hand eine Zigarette zum Vorschein und starrte mürrisch rauchend hinab auf den mit Erde und Rosen bedeckten Sarg. Als von der Zigarette nur noch der Filter übrig geblieben war und die Hitze der Glut seine Finger zu erreichen drohte, ging ein Ruck durch seinen Körper. Mit der Miene eines Mannes, der soeben eine bedeutsame Entscheidung getroffen hat,  suchte er die Verbindung zu meinen Augen.
"Da gibt es etwas, das ich dir sagen muss." Seine Stimme klang heiser. Der Rest der Trauergemeinde hatte sich diskret entfernt und uns allein am Grab zurückgelassen. Übrig geblieben waren nur zwei Totengräber, die etwa fünfzig Meter entfernt darauf lauerten, dass wir endlich verschwinden würden und sie ihr Werk in Ruhe vollenden könnten.
"Lisa war eine wunderbare Frau. Sie hat dich über alles geliebt, das weißt du sehr gut." Einen Moment lang hielt er inne. "Aber sie war nicht deine Mutter."

(...)


Entnommen aus:
Claus Probst  Das Gesetz zum Schutz der Dunkelheit
Erschienen im seidler-verlag.de 
13,80 EUR  ISBN 978-3-931382-42-1