Montag, 31. Dezember 2012

Kurzgeschichte Silvester - Teil 2

27.12.
Nach den erschöpfenden Weihnachtsfeierlichkeiten im Kreise der Verwandtschaft treffen sich Leo und Isabell bei Ramona, um „Ewig grüßt das Murmeltier" anzuschauen.
Isabell: Hast Du Maria schon gefragt? Ich meine wegen dem Bauchtanzen.
Leo schüttelt den Kopf und gräbt sofort das Handy aus seinem Rucksack, da ihm bei diesem Stichwort einfällt, dass Maria vor ein paar Tagen Geburtstag gehabt habe und er vergessen habe zu gratulieren. Maria meldet sich über Handy, aber es rauscht so laut, dass man sie fast nicht verstehen kann:

Maria: Rat mal wo ich bin?
Leo: Wohl nicht zuhause?
Maria: Ich mache zum ersten Mal alleine einen Rundflug mit dem Segelflieger. Leo: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, nachträglich.
Maria: Danke, aber leider kann ich nicht länger telefonieren. Der Flieger.
Leo: Kommst Du zu unserer Silvesterparty?
Maria: Was?
Leo: Wir feiern im üblichen Kreis Silvester, kommst Du? Am besten mit Bauchtanzkostüm sagt Isabell.
Maria: Ja, ich komme und bringe auch die Musik mit. Hat Thomas denn einen Kassettenrekorder oder einen CD Player?
Isabell verspricht das noch in Erfahrung zu bringen. Am gleichen Abend bekommt Isabell Halsschmerzen. Sie schiebt das heimlich auf eine Allergie gegen Weihnachtsplätzchen mit Haselnüssen oder auf die anstehende Verlobungsfeier. Am folgenden Tag schreibt sie Thomas eine E-Mail.

29.12.
Zwei Tage vor Silvester telefoniert Thomas mit Leo. Thomas erklärt etwas genervt, dass es ihn wundere, noch nichts von den anderen gehört zu haben. In einer E-Mail von Isabell stehe nun, dass die Feier tatsächlich stattfinde, aber er könne leider für die Feierlichkeiten jetzt nichts mehr vorbereiten, da er sich um die Familie kümmern müsse. Doch weil er sowieso davon ausgehe, dass Getränke und Salate von den anderen mitgebracht würden, wäre das ja auch nicht so schlimm. Leo überlegt kurz und resümiert, dass eigentlich nur er und Isabell etwas mitbringen würden. Er wisse von Theo, Ramona und Maria, dass sie nichts mitbringen könnten. Thomas sagt, da könne er jetzt nichts machen und man sehe sich dann halt an Silvester um 20 Uhr.

Am Abend treibt es Leo in die nächste Kneipe, um mit Theo ein Bierchen zu trinken. Zwischenzeitlich hat sich die Hauptstraße in ein Winter Wonderland verwandelt. Große Schneeflocken versperren Leo die Sicht und vergraben sich tief zwischen Hals und Jacke, da Leo den Schal im Wohnzimmer vergessen hat. Mit Mühe erreicht er nach einem kurzen, rutschigen Spaziergang die rettende Kneipe. Hinter einer Wand aus grauem Qualm verbirgt sich Theo, der bereits ein Gläschen Rotwein schlürft. Leo setzt sich dazu und erzählt vom letzten Telefonat mit Thomas. Theo fragt, ob das überhaupt noch etwas würde mit dieser Silvesterfeier. Schließlich wohne Thomas hoch droben über Heidelberg und die Wetterlage spreche eindeutig gegen das Erklimmen eines schneebedeckten kleinen Gebirges, ob mit oder ohne Auto. Darauf kann Leo nichts Gegenteiliges erwidern. Bevor die beiden gehen, erinnert Theo Leo noch an das Heringessen nach Silvester und ob Leo sich schon nach einer geeigneten Begleitung für den Termin ungesehen hätte. Leo verneint.

30.12.
Kurz entschlossen greift Leo zum Telefon und ruft Isabell an.
Leo: Hast Du am ersten Januar schon was vor?
Isabell: Warum?
Leo: Also, Theo hat sich nach alter Tradition mit Freunden zum Heringsessen verabredet. Aber in diesem Jahr fehlen noch zwei Gäste. Kannst Du?
Isabell: Ich weiß nicht.
Leo: Ach und übrigens, Thomas erwartet volle Bewirtung, aber Theo, Maria und Ramona können nichts mitbringen.
Isabell: Wieso eigentlich?
Leo: Keine Ahnung.
Isabell: Es ist mir sehr unangenehm, aber es wird wohl aus beidem nichts.
Leo: Was?
Isabell: Nee, ich hab die Grippe oder so was, ich kann dieses Jahr weder an der Silvesterparty noch am Heringessen teilnehmen.
Leo: Na wunderbar, dann hängt das Essen an mir. Und Thomas hat am Tag zuvor auch nicht besonders begeistert geklungen.
Isabell: Naja, Thomas will halt auch endlich mal wieder in Ruhe mit seiner Familie feiern. Vielleicht hat sich Thomas zwar anfänglich über das Feiern im üblichen kleinen Kreis gefreut und dann … der ganze Stress.
Leo: Und das Wetter ist ja auch eher schlecht … und Theo und ich würden es sowieso eher vorziehen zuhause zu feiern.
Isabell: Aber, aber nein, was ist mit Ramona? Es ist nicht gut, wenn Ramona ganz alleine Silvester verbringt, wenn ihr Freund dieses Jahr mit seiner anderen Frau rumturtelt.
Leo: Jaja
Isabell: Ich rufe Ramona an, schließlich ist morgen ja schon Silvester. Vielleicht machen wir was Kleines bei ihr.

Eine Telefonkette wird verabredet. Isabell telefoniert also mit Ramona, Ramona mit Leo, Leo mit Thomas und Thomas meldet bei Isabell zurück, dass sich die anderen entschlossen haben, bei Ramona zu feiern. Er sei zwar sehr enttäuscht, da er sich auf die Party vorbereitet habe, 20 Brötchen bestellt und einige Flaschen kaltgestellt habe, aber man könne da nichts machen. Außerdem wundere ihn, dass Isabell so plötzlich krank würde. Thomas fragt, ob Sebastian dann wenigstens bei Isabell übernachten könnte, da er sich zusätzlich angekündigt habe. Nach einem kurzen Hustenanfall sind beide überzeugt, dass Sebastian wohl lieber dann bei Ramona übernachten sollte. Thomas verspricht noch mal dort nachzufragen. Infolge der Verständigungsschwierigkeiten wird das Gespräch mit Thomas relativ kurz.



Fortsetzung folgt.

Sonntag, 30. Dezember 2012

Kurzgeschichte Silvester - Teil 1

Anette Butzmann

Silvester

Mitte November ruft Leo Isabell an
Leo: Hallo Isabell.
Isabell: Hallo Leo, schön dass Du anrufst.
Leo: Du, ich habe noch gar keine Idee für Silvester.
Isabell: Der übliche kleine Kreis könnte doch zusammen feiern. Du und ich und Thomas, Ramona und vielleicht sogar Sebastian?
Leo: Ob Sebastian überhaupt kommen würde?
Isabell: Weiß nicht, er kommt ja fast nie zu Parties, aber mal sehen.
Leo: Die Idee ist gut, ich muss aber noch Theo unterbringen.
Als Isabell vorschlägt, man könnte ja bei Thomas feiern, da dieser hoch über Heidelberg wohne und von dort das Feuerwerk ausnehmend schön zu sehen sei, sind beide vollauf begeistert. Nun müsse man nur noch herumfragen.

Ein paar Tage später erkundigt sich Isabell telefonisch, ob Leo nun schon bei Thomas angefragt habe. Er verneint, weiß aber von Ramona dass sie auch dabei sein wolle, da ihr Lieblingsfreund in diesem Jahr mit seiner anderen Frau feiern würde.

23.12.
Einen Tag vor Weihnachten haben sich Isabell und Leo im Restaurant zum Käsefondueessen verabredet. Das haben die beiden schon früher gerne gemacht, als sie noch ein Paar waren. Isabell will eigentlich von der anstehenden Verlobung berichten, aber verschiebt diese Nachricht dann doch besser auf ein anderes Mal.
Isabell: Hast Du Thomas schon angerufen?
Leo: Thomas freut sich schon auf Silvester.
Isabell: Aber?
Leo: Aber seine Familie besucht ihn auch, sogar der Vater.
Isabell: Was macht der eigentlich beruflich?
Leo: Er ist Professor der Atomphysik und Leiter eines großen Kernkraftwerkes.
Isabell: Bringt er dann auch seine neue Frau mit? Oder wo lässt er die dann?
Leo: Weiß nicht.
Isabell: Kommt Maria auch zur Party? Maria hat ein Bauchtanzkostüm und dann könnten alle Frauen zusammen tanzen? Natürlich nicht richtig, nur so ein bisschen aus Spaß.
Leo: Weiß ich nicht, aber Du kannst Maria ja fragen.

                                                                         *

Am Abend geht Leo noch mit Theo in den „Goldenen Schwan“. Leo bestellt das obligatorische Weißbier und Theo den obligatorischen Hausmarke Rotwein und eine Flasche Wasser. Leo fragt Theo diplomatisch, was sie dieses Jahr zu Silvester unternehmen wollten. Zum Thema Silvester fällt Theo ein, dass es mal einen Papst Silvester gegeben habe, der etwas geschenkt bekommen hatte, aber dann eigentlich doch nicht, weil die Geschenkurkunde gefälscht wurde. Leo krümelt seinen Tabak über den Tisch und stopft sich umständlich eine neue Zigarette. Er sagt, das sei lange her als er das letzte Mal davon hörte. Er erinnere sich an einen Begriff der „Konstantinische Schenkung“ hieße und dass diese von Konstantin dem soundsovielten an diesen Papst Silvester ging, offenbar als Gegenleistung für eine Heilung von den damals üblichen Krankheiten Pest, Lepra, Cholera oder irgendsowas. Verschenkt wurden dabei einige größere Landkreise des weströmischen Reiches. Eben nicht, gab Theo zu bedenken, das Dokument gab es gar nicht, das hatten die päpstlichen Würdenträger nachträglich zusammengekleckst, so sei das gewesen.
Ein betrunkener, aufmerksamer Zuhörer unterbricht die beiden und meint, sie sollten nicht so viel geschwollenes Zeug reden und lieber von Gefühlen sprechen, von Liebe und so. Das sei es doch, was Menschen letztendlich ausmachen würde. Theo verteidigt vehement seine Privatsphäre und geht auf Konfrontationskurs. Beim wilden Gestikulieren stößt Theo an den Kneipentisch. Der Inhalt der Gläser schwappt über und bewirkt einen Tabakkrümel-Bier-Rotweinsee im Aschenbecher und darum herum. Der Betrunkene macht sich aus dem Staub. Der Abend ist gelaufen. Zum Schluss fragt Leo noch schnell, ob Theo dieses Jahr zur Silvesterfeier bei Thomas mitkommen wolle. Theo nickt mürrisch, stimmt aber doch zu und erinnert Leo daran, dass Ramona noch zu irgendeinem Essen eingeladen werden müsste.


Fortsetzung folgt.

Montag, 10. Dezember 2012

Vorschau: Literatur im bermuda.funk


Am Samstag, 15.12.2012 startet der bermuda.funk ein neues Kulturmagazin. Gäste der ersten Sendung sind:

Ab 19:00 Uhr die Mundartdichterin Gisela Gall (hier der Link zu einem 
YouTube-Video),

ab 19:30 Uhr der WOLKENREISENDE Rolf Thum (hier geht ´s zu seiner Homepage),

ab 21:00 Uhr die Mannheimer Literatin Petra Scheuermann (hier ist ihre Webseite),

und ab 21:30 Uhr werde ich selbst auftreten und meinen Roman
DIE AUSWERTERIN vorstellen.

Zur Einstimmung hier eine Kritik:

England 1944. Die Auswerterin Emily Brown begibt sich unter einem Vorwand in das Büro des Oberbefehlshabers der britischen Luftstreitkräfte. Sie hat ein dringendes Anliegen, denn sie möchte erreichen, dass Arthur Harris den Befehl für einen Bombereinsatz ändert. Emily hat bei der Analyse diverser Fotos von Aufklärungsflügen eine Aufnahme von Auschwitz entdeckt. Was sie zuerst für Fabrikschornsteine hielt, entpuppt sich zu ihrem Entsetzen als Krematorium. Emily erkennt, dass hier massenhaft Menschen umgebracht werden, und sie ist der Meinung, man sollte die Bahngleise vor Auschwitz zerstören, um weitere Menschentransporte zum Lager und somit die Massenmorde dort zu verhindern.  Als Emily merkt, dass ihr Gesuch bei Harris auf taube Ohren stößt, bedroht sie ihn mit einer Waffe, bis er aus Angst um sein Leben den Befehl zu einer Änderung der Koordinaten gibt. Emily möchte sicher gehen, dass die Order auch wirklich ausgeführt wird und bleibt deshalb bei Harris. In den folgenden Stunden führen sie ein eindringliches Streitgespräch, bei dem jeder vehement seinen Standpunkt zur Lage vertritt. Wieso sträubt sich Harris so sehr, das Lager zu bombardieren? Ganz sicher nicht aus Sorge um die Gefangenen dort. Während des Wartens stellt sich heraus, dass er letztendlich sehr egoistische Beweggründe hat. Wird es Emily gelingen, etwas Entscheidendes zu erreichen?

Der intensiven Dialog zwischen Emily und Harris nimmt den größten Teil des Buches ein. Dazwischen sind mehrere Szenen eingefügt, die dem Leser die Eindrücke eines Piloten bei seinem Aufklärungsflug vermitteln, und man lernt einen kleinen Jungen kennen, der urplötzlich, zusammen mit der Familie und vielen anderen Menschen, seine Heimat verlassen muss. Nach und nach werden auch die Zusammenhänge klar. Diese weiteren Handlungsstränge erweisen sich als Rückblicke, die zu der speziellen Situation in Harris’ Büro hinführen.
Elk von Lycks detaillierte Ausführungen lassen auf sein fundiertes Wissen und eine sehr intensive Recherche schließen. Viele der Fakten, die Emily im Gespräch mit Harris erwähnt, sind durchaus nicht der Fantasie des Autors entsprungen, sondern es handelt sich um belegte Tatsachen, wie ich sehr bald bei eigenen Nachforschungen erkennen konnte. Das fand ich besonders erschreckend, denn wenn man erfährt, was alles den Alliierten bereits bekannt war, fragt man sich, ob nicht durch früheres Eingreifen viele Menschen hätten gerettet werden können. Man kommt ins Grübeln, was wohl die Beweggründe damals waren, offensichtlich hilfreiche oder sinnvolle Aktionen auf die lange Bank zu schieben oder auch ganz zu unterlassen. Je mehr man über die Hintergründe erfährt, die zu den damaligen Verhältnissen geführt haben, umso sinnloser kommt einem dieser grausame Krieg vor. Dabei ist die Geschichte weit entfernt von Schwarz-Weiß-Malerei, denn sowohl Täter als auch Opfer gab es bei allen beteiligten Nationen.
Das Buch rüttelt auf, und es ist ein starkes Plädoyer für Toleranz und gegenseitiges Verständnis.
Es animiert, nicht alles als gegeben hinzunehmen, sondern die Dinge auch einmal zu hinterfragen. Emilys Sichtweise liefert interessante und wichtige Denkanstöße. Was damals geschehen ist, lässt sich heute nicht mehr ändern, aber man kann neu darüber nachdenken und die Vorgehensweise in Frage stellen. Das Erörtern dieses nach wie vor brisanten Themas ist wichtig, damit wir uns auch heute nicht auf einer vorgefaßten Meinung ausruhen, egal bei welchem Problem. Mutige Menschen wie Emily braucht es zu allen Zeiten, denn sie können die Welt verändern, sei es auch nur in winzigen Etappen, aber viele kleine Schritte führen letztendlich auch zum Ziel. 
Bewertung: 5 von 5 möglichen Punkten.
Entnommen aus dem Blog  Klusi liest.

Weitere Informationen erhalten Sie auf meiner Seite Elk von Lyck oder auf meinem persönlichen Blog.

Der bermuda.funk kann im Radio oder per Livestream empfangen werden.

Heidelberg: UKW 105,4 MHz
Mannheim: UKW  89,6 MHz
Kabel:        UKW  107,45 MHz
Livestream: streaming.bermudafunk.org


Sonntag, 18. November 2012

Rezension: Tagebuch einer Expedition von Kirsten Kühlke


Der Roman beschreibt eine spezielle Expedition, ganz aus der Sicht des Protagonisten Robert Bor geschildert. Sein großes Vorbild ist Charles Darwin, den er auch immer wieder mal zitiert, Einzelheiten aus seinem Leben nennt und mit Darwin sogar im Traum spricht. Mit auf der Expedition ist eine Frau Doktor Irene Wert, die von Robert Bor, dem selbst ernannten Expeditionsleiter, als nicht so ganz fähig eingestuft wird, aber er nimmt sie trotzdem mit, wie er es formuliert, auch gegen Widerstände im wissenschaftlichen Institut, für das beide arbeiten. Robert Bor ist in Frau Doktor Wert sehr verliebt, wobei das offenbar nur einseitig ist, was er aber keinesfalls so empfindet.

Die Innensicht des Robert Bor vermittelt zuerst den Eindruck eines etwas skurrilen Menschen, eines zerstreuten Wissenschaftlers offenbar, der aber seine Aufgaben durchaus kompetent meistern könnte. Im Lauf der Schilderungen treten jedoch immer mehr Details zutage, erst kleine Unwissenheiten, unwissenschaftliche Gedankengänge, schließlich immer stärker hervortretend auch weltfremde Sicht- und Verhaltensweisen, sodass der Leser an dieser Kompetenz immer mehr zweifelt. Am Anfang mag man noch über die Skurrilitäten lachen, aber irgendwann gehen die anfängliche Komik und Tragikomik schließlich in die reine Tragödie über. Der Autorin ist diese Steigerung sehr gut gelungen und am Schluss stehen Wahnsinn und Untergang des Protagonisten. Als Leser hofft man fast bis zum Schluss, Robert Bor möge doch irgendwie noch die Kurve kriegen, man findet ihn ja gar nicht so unsympathisch, aber da ist die Autorin unerbittlich und erzählt die Geschichte konsequent bis zum bitteren Ende.

Kirsten Kühlke: Tagebuch einer Expedition", blue china – Verlag Peter, 2007,
206 Seiten, EUR 22,00    www.bluechina.de

Text: Lothar Seidler

Donnerstag, 8. November 2012

Vorschau: Kulturfest des bermuda.funks auf der Lichtmeile 2012 in Mannheim


Die Kultur-Redaktion des bermuda.funk lädt anlässlich der Lichtmeile ein zum Kulturfest 2012 im Alten Volksbad Mannheim, Mittelstraße 42. Der Eintritt ist frei!
Künstlerinnen und Künstler aus dem Delta spielen verrückte Rhythmen, lesen Erlesenes und machen Theater ohne Theater.
Beim Kulturfest bermuda.funk treffen Gäste mit gutem und ausgefallenem Geschmack auf besondere Delikatessen: z.B. Irina Kawerina, die früher Akkordeon im Ensemble von Ivan Rebrow spielte. Erleben Sie außerdem Euro-Folk mit Daf-Rahmentrommel sowie Gesang, Gitarren, Violine, Drehleiher, Flöten und Percussion von Short Tailed Snails, EmilianoTrujillo, Volker Schuhmacher, Claudia Montoya. Tauchen Sie ein in poetische Welten und Erzählungen von Jancu Sinca, Farah Gotthilf, Lyrik Lottofee Gitte Iffland, Pancho Mendez, Angela-Marcella Gerstmeier, Farhad Ahmadkhan, Kaja Torunsky. Elias Jammal stellt seinen Debütroman vor und Elk von Lyck gibt ein Interview. Ausstellung von Gabi Maletz.
Daneben gibt es ein kulinarisches Buffet aus heißen Gefilden, solange der Vorrat reicht.
Durch den Abend führt Moderator Frank Domenico Montalbano.


Weitere Informationen zum Stadtteilfest finden Sie unter: www.lichtmeile.de 
Mehr zum Lokalradio unter: www.bermudafunk.org

Zeit: Samstag, 17. November 2012, ab 18 Uhr
Ort: Altes Volksbad, Mittelstraße 42, Mannheim  
Eintritt frei!

Samstag, 3. November 2012

Vorschau: LeseZeit im Café Chocolat in Speyer


Liebe Literaturfreunde,

nun hat uns Petrus im wahrsten Sinne des Wortes kalt erwischt. Väterchen Frost wandert nachts durch die Gärten und lässt die Herbstblumen unter einer eisigen Haube erstarren. Die Amseln und Meisen reklamieren lautstark ihr gewohntes Winterfutter und uns Menschen wird plötzlich bewusst, wie nah Weihnachten schon ist. Da heißt es Kräfte sammeln und Energie tanken für all die Vorbereitungen zum Fest, die nun wieder anstehen.
Wo könnte man das besser als in einem gemütlichen Kaffeehaus bei Kerzenschein und einem Tee, einem Kaffee oder einer heißen Schokolade. Lehnen Sie sich zurück und lauschen Sie den Geschichten, die die Mitglieder der LeseZeit dort für Sie bereithalten.

Am Mittwoch, dem 07.11.2012, um 19:30 Uhr warten wir auf Sie im
Café Chocolat,
Steingasse 2 (am Museum),

67346 Speyer.

Eintritt: 3,00 Euro

Da die Anzahl der Plätze begrenzt ist, bitten wir um Reservierung bei Frau Hedderich 06232-8544333 oder Frau Fedder 06232-76753.

Liebe Grüße
Edith Brünnler


Donnerstag, 1. November 2012

Rezension: Öl auf Wasser von Helon Habila



Alles drin!
Die Frau eines Ölindustriellen wird entführt. Entführungen sind in Nigeria keine Besonderheit, sondern das übliche Verfahren von Rebellen an Geld für Waffen zu kommen. Der junge Journalist Rufus wagt die Recherche für die er Leib und Leben riskiert, wird er doch erstmals mit seinem Vorbild, dem großen Journalisten Zaq, arbeiten. Helon Habila lässt uns die herbe Enttäuschung miterleben, wenn sich herausstellt, dass der alte Zaq zu einem abgehalfterten Typ und Säufer mutiert ist. Trotzdem entwickelt sich eine dieser tiefen Freundschaften, für die es eine Bedrohung von außen und das gemeinsame Ziel  braucht: Die Rettung der Frau. „Öl auf Wasser“ entführt uns mit dem Boot in die nigerianischen Sümpfe und in grausame Wirklichkeiten. Und das mit einer klaren und dennoch poetischen Sprache.
Der afrikanische Autor Helon Habila hat schon viele Bücher veröffentlicht. „Öl auf Wasser“ kommt als erste deutschsprachige Übersetzung heraus und ist im Oktober 2012 auf Platz 1 der KrimiZeit Bestenliste. Ein Krimi. Eine Love-Story. Ein Politthriller. Alles drin.
Öl auf Wasser, Verlag Das Wunderhorn, 240 Seiten, Hardcover, 24,80 €

Text: Anette Butzmann


Sonntag, 21. Oktober 2012

Vorschau: Schreiben Frauen anders? - Anne Richter in Walldorf

 
„Schreiben Frauen anders?“ Dieser Frage wird der Dielheimer Autor und Erziehungswissenschaftler Dr. Anton Ottmann auf der zweiten Veranstaltung der Reihe „Schriftstellern auf die Finger geschaut!“ nachgehen. Veranstalter ist die Volkshochschule Südliche Bergstraße in Zusammenarbeit mit der Stadtbücherei Walldorf. Ottmann hat die Walldorfer Autorin Renate Büchner mit ihren besinnlichen Gedichten eingeladen, außerdem die in Heidelberg wohnende Hilde Domin Biographin Marion Tauschwitz mit ihrer Novelle „Schlägt die Nachtigall am Tag“. Zu Gast ist auch die Heidelbergerin Anne Richter mit Erzählungen. Sie ist Mitglied der Literaturgruppe LitOff und war 2011 für den renommierten Ingeborg Bachmann Literaturpreis der Stadt Klagenfurt nominiert.
In einer Mischung aus Lesung, Kommentar und Interview wird die Entstehung von literarischen Werken nachgegangen. Die Besucher erfahren etwas über Motivation und Arbeitsweise der regionalen Schriftstellerinnen und können auch selbst Fragen stellen.
 
„Schriftstellern auf die Finger geschaut“ findet am Mittwoch, den 24. Oktober, 19.30 Uhr, in der Stadtbücherei Walldorf, Hirschstraße 15 statt. Um Voranmeldung bei der VHS Südliche Bergstraße wird gebeten. Tel. 06227 63285 oder 06222 92960.
 
 

Freitag, 12. Oktober 2012

Vorschau: Textforum der Literatur-Offensive im Literatursommer 2012


Unser Textforum ist eine Einladung an alle, die Geschriebenes einer ersten Öffentlichkeit vorstellen wollen. Ziel ist der Austausch kritischer Anregungen und das erste Ausprobieren von Publikumswirksamkeiten in einem Wechselspiel zwischen denen, die lesen, und denen, die hören. Zu Beginn der Veranstaltung um 19:30 bis 20:15 wird das Radio-Feature „Lyrik, Literatur, ha!“ präsentiert.

Ort: Stadtbücherei Heidelberg, Poststraße 15. 
Zeit: Dienstag, 16. Oktober 2012. Beginn ist um 19.30 Uhr, Eintritt frei.


Sonntag, 23. September 2012

Kastanien und Ameisen - Die LitOff im Schillerhaus



Erst fegte der Sturm eine Kastanie ins kleine Schillerhäuschen, dann kribbelten und krabbelten fiktive Ameisen über die Gäste. Literatursommer 2012 - 60 Jahre Literatur in und aus Baden-Württemberg: …Und das Schreiben geht weiter. Das zeigte sich beim Textforum der Literatur-Offensive am 18.9.12 im Museum Schillerhaus in unterschiedlichster Weise. Das Museum Schillerhaus war mit 22 Besuchern gut (aus)gefüllt. Das Textforum der Autorengruppe Die Literatur-Offensive kurz LitOff, empfing mit offenen Armen alle, die etwas vorlesen oder zuhören mochten, nur selbst gemacht musste es schon sein und auf keinen Fall veröffentlicht.

Sieben Autorinnen und Autoren stellten ihre Romanauszüge und Manuskripte von Kurzgeschichten sowie Gedichte zur Diskussion. Obwohl nur die Vornamen auf die Leseliste aufgenommen wurden, konnten doch einige Autoren wieder erkannt werden. Lothar  Seidler, Verleger des gleichnamigen Lothar Seidler Verlags, konnte man sogar zweifach wieder erkennen: Einerseits den Herrn an sich und anderseits den bekannten Protagonisten Eduard aus dem Fünf-Autoren-Roman „Nebelkopfhütte“.  Eduard ist mal wieder verliebt, diesmal in flirtende grüne Augen einer Lesbierin. Wo soll das wohl hinführen? Der geplante Episodenroman mit Eduard wird alle wohl noch hinlänglich auf die Folter spannen.    
Ameisen
Kleine schwarze Schweißperlen oder gar ein ganzer Ameisenhaufen für vier Nackedeien beim 68er Gruppensex? Die Ameisen trippelten mehrfach durch die authentischen Geschichten von Heidi Trumpp und selbst beim Romanauszug aus ungewöhnlicher Prosa von der Heidelberger Lyrikerin Hanna Leybrand kommt ein Ameisenhaufen vor. Ansonsten kommen beim Letzteren leider auch gerümpfte Nasen vor. Die einen wollen „mehr Schleimhaut“, den anderen ist es zu „langweilig“. Naja, manchmal geht es eben sehr ehrlich zu beim Textforum.
Vom gleichen Stamm
Die Brüder Frank und Marco Montalbano zogen es vor, Unterhaltung und Nachdenklichkeit in die Runde zu tragen. Während Frank D. beim Rezitieren einen zu Papier gebrachten rhythmischen und gereimten Wutausbruch über den Nibelungen-Feminismus-Streit vorbrachte (und das war nicht inszeniert), verließ sein Bruder die Realität mal kurz um eine mollige Blondine platzen zu lassen. „Platzt die nun wirklich, oder ist das eine weitere Ebene?“ Nun ja, ein Text ist es natürlich und der wird, wegen seines ungewöhnlichen neuen Stils, mehrfach gelobt.




Tomaten
… kann man in vielen Farben essen. Durchsichtige Mandarinen sollte man auch mal züchten, wegen der Kerne, meint der Protagonist von Ulrich Pomplums Geschichte „Tomaten“. Aber warum er genau vier Fleischtomaten in roter Farbe im Scheinwerferlicht betrachtet, bleibt rätselhaft, bis die furchtbare Wahrheit die Runde erzittern lässt. „Eine unglaubliche Geschichte“, meint einer, „am eindrücklichsten bleibt mir in Erinnerung, dass er Äpfel in allen Farben essen würde, aber nicht die schwarzen.“ Man nimmt eben immer etwas mit, von all den Geschichten, selbst die kleinen Wahrheiten bleiben im Licht der Fantasie rätselhaft und groß.
Das Gegenteil
… vom Gegenteil des Gegenteils will die Freundin des Protagonisten von Wilhelm Dreischulte. Immer will sie es anders herum. Doch dann sieht er sie im Fernsehen im gläsernen Sarg voll Kakerlaken: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“. „Lasst sie drin“, schreit er den Bildschirm an, „sie will das Gegenteil“. Alles lacht. „Ach so“, sagt der Herr aus der letzten Reihe, „die war so ein TV-Sternchen?“ Das müsste man also dann doch früher wissen, kritisiert die Runde. „Lass sie doch im Supermarkt unter einem Berg von Erbsendosen verschwinden, dann bleibt die Geschichte im Alltag verwurzelt“. Naja, denke ich, die Kakerlaken fand ich besser, aber ich bin ja auch eine Frau („das Gegenteil vom Gegenteil vom Gegenteil“). 

Ende
Nach fast drei dreistündiger aufregender und lustiger Diskussion wünscht Frau Homering, die Leiterin des Museum Schillerhaus, noch einen guten Nachhauseweg und eine baldige Wiederholung des Textforums. Die Runde nickt und bleibt erschöpft noch bei Wein im gedämpften Licht und inmitten der herunter gefallenen Kastanien stehen. Was macht eine gelungene Diskussionsrunde aus? Manchmal ist es wohl ein magischer Moment, der mit Hilfe einer stürmischen Kastanie in einen kleinen Veranstaltungsraum hineinfliegt – vielleicht. 


Text: Anette Butzmann

Vorschau: Literatur im Sturmfederschen Schloss



Liebe Literaturfreunde, 

September – warme Nachmittage auf der Terrasse, kalte sternenklare Nächte, Morgennebel über den Wiesen, Farbenpracht in den Wäldern, Körbe mit reifen Früchten auf den Märkten – was für eine herrliche Zeit! Das muss gefeiert werden. Finden Sie nicht auch? Ach, Sie wissen nicht wie?

Beim Kulturverein St. Michael in Dirmstein weiß man das ganz genau: Des geht jo nor mit Zwiwwelkuche un neiem Woi!
Darum kommen Sie doch am
Freitag, dem 28. September 2012, um 19:00 Uhr ins
Sturmfedersche  Schloss in 67246 Dirmstein, Marktstr. 4
zu meiner gleichnamigen Lesung.
Wir warten dort auf Sie mit neuem Wein und hausgemachtem Zwiebelkuchen.

Liebe Grüße
Edith Brünnler


Donnerstag, 13. September 2012

Kaas & Kappes - Kinder- und Jugendtheaterpreis 2013


Die Stadt Duisburg verleiht im Rahmen des Deutsch - Niederländischen Kinder- und Jugendtheater-Festivals KAAS & KAPPES am 24. Februar 2013 den 15. niederländisch-deutschen Autorenpreis für Kinder- und Jugendtheater.
Der Autorenwettbewerb verfolgt das Ziel, dramatische Literatur für Kinder und Jugendliche zu fördern und Autoren und Theatermacher zu Arbeiten für diese Zielgruppe zu ermutigen. Insbesondere möchte der ausgeschriebene Preis den Austausch zwischen deutschen und niederländischen Autoren und Theatermachern im Bereich Kinder - und Jugendtheater intensivieren.
Die Höhe des ausgeschriebenen Preises beträgt insgesamt 7.500 Euro. 
Eine Jury, die sich aus 4 niederländischen und deutschen Theaterfachleuten zusammensetzt, entscheidet über die Preisvergabe.
Der Text muss in der Urform in niederländisch oder deutsch geschrieben worden sein und darf nicht vor Januar 2012 veröffentlicht oder aufgeführt worden sein. Neben Stücken von einzelnen Autoren können auch kollektiv im Inszenierungsprozess erarbeitete Texte am Wettbewerb teilnehmen. Pro Autor ist nur ein Text zur Vorlage zugelassen. Bereits in der Vergangenheit eingereichte Texte können auch in übersetzter Form nicht erneut eingereicht werden.
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Die Texte bitte in 5-facher Ausfertigung an diese Adresse schicken:

KOM´MA Theater
c/o KAAS & KAPPES
Schwarzenberger Str. 147
47226 Duisburg

4 Exemplare (wenn möglich) ohne, eines mit Nennung der Autorschaft. Die Kopien können nicht zurückgesandt werden.

Einsendeschluss ist der 15.12.2012.

Dienstag, 14. August 2012

Federwelt Kurzgeschichtenpreis 2012

Die Zeitschrift Federwelt schreibt einen der angesehensten deutschen Literaturpreise aus, dieses Jahr bereits zum 17. Mal. Das Thema lautet:
"frei sein".

Hier sind die Bedingungen:

- 11.000 bis 13.000 Zeichen (ohne Leerzeichen)
- einzusenden als Word-Dokument
- nur ein Beitrag pro Teilnehmer/in
- per E-Mail an  lesung@hs-veranstaltungen.de
- Einsendeschluss 20. September 2012

Das gibt es zu gewinnen:

- Publikumspreis 1.000 Euro + ein Stipendium im Tophotel
- Jurypreis 250 Euro + Veröffentlichung in der Zeitschrift Federwelt


Dienstag, 10. Juli 2012

Grenzgänger Elk von Lyck: Die Auswerterin oder Das Ende von Auschwitz


Auch ich bin ein Grenzgänger - der radikalste von allen. Ich überschreite die Grenzen zwischen Politik und Philosophie, Erlaubtem und Verbotenem, Verständlichem und (noch) Unverständlichem. Am 14.07.12 werde ich im Mannheimer theater oliv ab 19:00 Uhr meinen neuen Roman "Die Auswerterin oder Das Ende von Auschwitz" vorstellen. Damit Sie wissen, was auf Sie zukommt, hier die Kritik von inkultura-online:


Die wirklich bewegenden Bücher, die provozierenden und verstörenden, die, wie es die Aufgabe guter Literatur sein sollte, den Verstand herausfordernden und die Emotionen weckenden Texte stehen zu Unrecht abseits des medial goutierten Mainstreams. Was seinen Weg nicht in die Spalten des Feuilletons schafft, das findet naturgemäß auch keine Aufmerksamkeit beim Lesepublikum und kann dementsprechend leider keine Breitenwirkung erzielen. In Zeiten des praktizierten Konsumismus, die Ersatzreligion der breiten Masse, bilden die Kulturbeilagen der meinungsmachenden Printmedien keine Ausnahme und sind aufgrund dessen nur ein Spiegelbild der mentalen Befindlichkeiten dieses Landes und somit sind sie nur kommerziell orientierte und selbstreferentielle Zuarbeiter einer literarischen Industrie, die vornehmlich mit der Produktion von ephemeren Belanglosigkeiten beschäftigt ist.
Elk von Lyck ist ein Autor, der sich mit seinen Büchern außerhalb der vorherrschenden Richtung bewegt. Sein neuer Roman Die Auswerterin stellt sich überdies noch gegen die Deutungshoheit der aktuell herrschenden politischen Elite - die sich natürlich auch in Besitz des literarisch akzeptierten Kanons der historischen Bewertung der nationalsozialistischen Verbrechen wähnt - und deren Wacht über die vermeintlich korrekte Interpretation historischer Fakten.
Die Auswerterin provoziert geradezu Widerspruch und erzwingt damit eine Diskussion über gewohnte Denkstrukturen, die einzig der perpetuierten offiziellen Historiographie geschuldet sind. Das provokante Unterfangen des Autors ist die Frage danach, aus welchen Gründen die Alliierten trotz ihres Wissens um das Vernichtungslager Auschwitz, dessen Infrastruktur nicht bombardiert und so die dortigen Verbrechen, wenn auch nicht verhindert, so doch zumindest langfristig behindert haben.
Emily Brown ist im Jahr 1944 eine Auswerterin von Luftbildaufnahmen, die alliierte Flugzeuge über dem Luftraum Deutschlands machten. Aufgrund der ausgewerteten Fotos legte das alliierte Bomberkommando unter Führung des Air Chief Marshal der Royal Air Force, Arthur Travers Harris, die Ziele der Luftangriffe in Deutschland fest. Eines Tages entdeckt Emily auf einem Foto das Konzentrationslager Auschwitz und informiert darüber ihre Vorgesetzten. Sie stößt jedoch auf taube Ohren und schieres Unverständnis, das sie in der Folge zu einer wahnwitzigen Tat veranlasst. Sie betritt das Büro von Arthur Harris, nimmt ihn als Geisel und verlangt die sofortige Bombardierung dieses Lagers.
Was zu Beginn wie ein historische "Was wäre, wenn... ?" Fiktion erscheint, erhält schnell eine brisante Komponente. Die Alliierten befanden sich im Besitz von Kenntnissen über Auschwitz. Aus welchen Gründen haben sie dieses Lager nicht bombardiert? Dass die politischen Führungen der USA und Großbritanniens von der Existenz und dem Zweck des Konzentrationslagers wussten, ist von vielen Historikern inzwischen bestätigt. Warum Churchill und Roosevelt die umliegenden Fabriken angreifen ließen, nicht aber Auschwitz, ist bis heute eine unbefriedigend beantwortete Frage geblieben.
Im Verlauf der Geiselnahme entwickelt sich eine Diskussion zwischen Emily Brown und Arthur Harris, die zwei sich unversöhnlich gegenüberstehende Meinungen repräsentiert. Emily, eine unscheinbare und politisch eher uninteressierte Frau, bezieht auf einmal Stellung und fordert einen scheinbar mächtigen und einflussreichen Kommandierenden heraus. Wer mit den bisherigen Werken dieses Autors vertraut ist, der weiß um dessen Intentionen bezüglich der fatalen Auswirkungen - auch historisch betrachtet - verletzter Emotionen. So weist Emily darauf hin, dass auch die Briten aufgrund ihrer militärischen Aufrüstung gegen den Vertrag von Versailles verstoßen haben, dies den Deutschen jedoch zum Vorwurf gemacht haben. Sie lässt eine Reihe von historischen Ereignissen Revue passieren, mit denen sie darauf hinweist, dass jeder Krieg und jede militärische Auseinandersetzung bereits den Keim für die folgenden Konflikte beinhaltet. So wurde nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mit dem Versailler Vertrag die wenige Jahre später stattfindenden Konflikte heraufbeschworen.
Von Lyck liefert in seinem Dialogroman Die Auswerterin eine provokante Antwort von Arthur Harris auf die Frage, aus welchen Gründen das Lager Auschwitz nicht angegriffen worden ist. Man musste, so der Air Chief, an die "politische Komponente" denken. Die Nazis sind von Nutzen, wenn es um die Eliminierung von Kommunisten geht, denn nach dem Krieg ist vor dem Krieg und der nächste wird gegen Stalins Weltrevolution geführt werden. Harris formuliert es im Roman folgendermaßen: "Man kann über die Nazis nicht viel Positives sagen, aber in diesem Fall sind sie sehr hilfreich."
Der Roman bewegt sich im Spannungsfeld von individueller Möglichkeit und politischer Realität. Was kann der Einzelne gegen ein System ausrichten? Wo und, noch viel wichtiger, wann muss er sich positionieren und gegen Gewalt und Willkür erheben? Emily Brown ist ein Rädchen in der Maschinerie des politisch-gesellschaftlichen Getriebes und wird von den Mächtigen - Arthur Harris - als zu unwichtig empfunden, um etwas bewirken zu können. Diese Unterschätzung kommt Harris und der Politik teuer zu stehen
Zieht man Parallelen zur aktuellen global-politischen Situation, dann muss man konstatieren, dass dem Individuum gegenüber den herrschenden Kräften des politisch-wirtschaftlichen Oligopols anscheinend auch nur die Rolle eines ohnmächtigen Beobachters zugestanden wird. Eine Allianz aus Finanzkapital und willfährigen Politikern ist dabei, den Planeten unter sich aufzuteilen. Hätte Emily Brown, haben auch wir gegen diese geballte Macht eine Chance?



Meine Bewertung:Bewertung    (Fünf von fünf Punkten)

Ende der Kritik.


Unter diesem Link finden Sie eine Kritik aus dem Blog Herzbücher.
Weitere Kritiken von Phantasienreisen und von klusiliest.

Das ist meine Hauptseite: www.elkvonlyck.de

Hier finden Sie ein Autorenporträt

Und in diesem YouTube-Video äußere ich mich zu dem Roman:




DIE AUSWERTERIN - ODER DAS ENDE VON AUSCHWITZ
132 Seiten   EUR 9,90  erhältlich u.a. bei Amazon.
Auch erhältlich als E-Book für EUR 7,99 u.a. bei Amazon.



Montag, 9. Juli 2012

Grenzgängerin Olga Manj: Wolfsmann


Olga Manj schreibt Lyrik und Prosa, sie erforscht Verstand und Gefühl, Mensch und Kreatur - und sämtliche Grenzgebiete. Davon zeugt auch ihr Gedicht "Wolfsmann", das sie neben einer Kurzgeschichte im Mannheimer theater oliv (14.07.12) vortragen wird.



Wolfsmann

In sengender Hitze die Füße auf Eis,
gehüllt in das Fell eines Wolfes.
In züngelnde Geistwelt eingeschlossen,
harrt er der Ausbrüche,
die Blitze in den Himmel schleudern.

Er sprang vor Zeiten auf glattes Parkett,
auf einen vereisten Fluss am Ufer der Wüste.
Ist sicher auf allen Vieren gelandet,
zwischen nächtlicher Wüste und hellem Wald,
auf der bitteren Scheide des Wissens.

In diesem Zwielicht von Tag und von Nacht,
explodiert die feurige Hülle ins Nichts.
Er richtet sich auf und spürt
das Fell, das unter dem Maßanzug kratzt.

So schlittert ein Wolfsmann auf dem Eis,
zwischen Mannsein und Frausein in Wehmut,
zwischen Urwaldhitze und trockner Wüste
auf der Kante der scharfen Gefühle.


In der Wüste sitzen Frauen,
singen Lieder unter funkelnden Sternen.
Und drüben im Urwald da trommeln sie,
auf der Lichtung im Schatten des Tages.

„Fließ Fluss“, hört er sie aus weiter Ferne
und „Fluss, fließ endlich weiter.“
Er sieht, wie sie alle näher wogen,
hie aus der Nacht und da aus dem Tag.

Doch in seiner Näh’ auf dem glatten Eis
da rutschen die Frauen aus, rettungslos aus,
die aus der Wüste und die aus dem Wald.
Dabei schaut einer zu, fassungslos zu.

Ein huschendes Lächeln im Blick wie ein Kind
dreht er jetzt ab, vom unlebbaren Leben.
Stumm gleitet er als schwarzes Nichts
zerbrechlich, schillernd, durchsichtig weiter.

Vor langen Zeiten einmal auf hoher Fahrt,
gesprungen aus kraftblauem Himmel.
Doch jetzt gleitet einer immer weiter
auf eisiger Fläche ins Feuer zurück.





Über die Autorin:
Bisher erschienen 1995 der Gedichtband ›Liebe und sonstige Schrecklichkeiten‹ und einzeln veröffentlichte Geschichten, darunter 1997 ›Braves Mädchen‹, 1998 ›Die Hexe Snella‹, 2003 ›Die Königin der Nymphen‹ und 2005 ›Der Selbstmord‹. Die Autorin lebt und arbeitet in Mannheim. Sie gehört der Heidelberger Literaturoffensive (LitOff) seit 2003 an. In folgenden Anthologien dieser Autorengruppe ist sie mit Gedichten und Geschichten vertreten: Nachtmenschen (2003), In den Tag (Hörbuch, 2004), Romantik-Spiegel (2006).




Olga Manj  Die schöne Bäckerin
Kurpfälzer Dekamaron.
Lustvolle Geschichten von einer Landfrau, die gerne sommerliche Obsttorten backt. Über dem Stall hat sie heimlich ein Filmstudio eingerichtet, für sie junge Männer beim sexy Tortenessen fürs Publikum abfilmt und gelegentlich auch vernascht. Doch ihr Mann und die anderen Landfrauen kommen dahinter.
8,90 EUR  ISBN 978-3-931382-38-4  Seidler Verlag




Sonntag, 8. Juli 2012

Grenzgänger Helmut Orpel: Die unsichtbare Stadt



Helmut Orpel überspringt Grenzen, zwischen Realität und Vision, Vergangenem und Gegenwärtigem. Auf der Mannheimer KultTour (14.07.12, ab 19:00 Uhr) wird er mit seiner Kurzgeschichte "Die unsichtbare Stadt" den Beweis antreten. Sie geht von einem wirklichen Ereignis aus und führt in der Phantasie weiter bis zu den Quellen des Entstehens.  Auf dieser Reise begegnet er dem Dichter Oswald von Wolkenstein, der zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine Reise in die Kurpfalz unternahm.  „Hat eine Stadt eine Seele“, fragt sich der Autor. „Und ist das, was wir wahrnehmen, nur der Ausfluss dieser Seele?“

„Wenn Mannheim eine Seele hat, so ist sie feucht, moderig und faltenreich. Die sichtbare Gestalt der Stadt ist ein Reflex der Unsichtbaren.  Im Licht der Nacht blüht Mannheim richtig auf und die Lupinenstraße ist überregional weit bekannter als das Nationaltheater. Woher kommt´s?  In diesem Zwiespalt zwischen Wollust und Moral, zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Sittsamkeit und Heuchelei hat Mannheim seinen Ursprung.
Man erkennt dies nicht sofort, es ist fast wie bei der Seele, man spürt wie dort die Wirkung. Schiller spürte sie und Mozart auch. Sie bissen sich die Zähne aus an dieser Stadt und wurden später einverleibt, so ganz wie Söhne, aber erst als sie anderenorts berühmt geworden waren. Mannheim geht auf Nummer sicher. (Aus „Die unsichtbare Stadt“)


Helmut Orpel wurde 1955 in Grünstadt geboren. Nach einer Ausbildung als Bürokaufmann ging er nach Mannheim und machte das Abitur. Danach studierte er in Heidelberg Philosophie, Kunstgeschichte und spanische Literaturwissenschaft. 1995 promovierte er mit einer Arbeit über die bildende Kunst im spanischen Bürgerkrieg. Er arbeitet als Journalist, freier Autor und Dozent an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim. Seit 2008 ist er Vorsitzender des Literarischen Zentrums Rhein-Neckar. Die Räuber77 e.V. 
Mehr unter: www.orpel.info



Samstag, 7. Juli 2012

Grenzgänger Bernhard Schader: Heldenreise. Altes Format


Bernhard Schader sucht Grenzerfahrungen im Alltagsleben, in den scheinbar gewöhnlichen Ereignissen, die manchmal einen ungewöhnlichen Verlauf nehmen. Davon berichtet auch sein Text "Heldenreise. Altes Format", aus dem er am 14.07.12 in Mannheim auf der KultTour lesen wird.
Zur Einstimmung ein Ausschnitt aus einem 2011 geschaffenen Werk:



Im Süden der Stadt fahren die Busse pünktlich

Bevor sie zur Haltestelle gegangen ist, hat sie die Mülltonne auf die Straße gestellt. Die Mülltonne wird immer mittwochs geleert, alle zwei Wochen. Vorgestern war Montag, Peter kommt immer montags.
Im Bus haben sie jetzt sicher auch eine Kamera, auch im 53-er. Immer kommt er zu spät, der 53-er. Und er ist so laut, vor allem im hinteren Teil ist er so laut. Aber im hinteren Teil sitzt man höher und man sieht mehr. Den Fahrer, die Fahrgäste, die Straße. Das große rote Plakat draußen: Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt, steht darauf, in weißer Schrift.
Sie hat alles gut vorbereitet. Ein Projekt muss man gründlich planen und sorgfältig vorbereiten, hat Karl immer gesagt. Das hat ihr so sehr an ihm gefallen: dass er immer diese großartigen Projekte realisiert hat. Realisieren, das hat er gern gesagt. Das neue Badezimmer hat er lange geplant und vorbereitet und wunderbar realisiert mit den italienischen Fliesen und der Badewanne mit den Wirbeldüsen und der Dusche mit dem großen Duschkopf wie in dem Hotel in England, in dem sie einmal waren. Wie ein englischer Regen fühlt es sich an, wenn man darunter steht.
...
Die Kameras sind jetzt überall, nicht nur im Bus. Überall wird man beobachtet. In der Bank, in der Straßenbahn, im Kaufhof. Sogar im Edeka-Markt.
Aber die Kameras sind kein Problem. Sie hat ihre Sonnenbrille in die Handtasche gepackt, die wird sie aufsetzen, und ein großes Tuch wird sie sich um den Kopf binden. Sollen sie ruhig denken, dass sie so eine Türkin ist. Die tragen jetzt alle ein Kopftuch, die Türkinnen, auch die jungen. Da sieht man endlich, wie viele das sind, an den Kopftüchern kann man es sehen. Dass das einmal so viele sein würden, damit hat doch niemand gerechnet. Und diese jungen Dinger, hautenge Hosen und Pullis und dazu Kopftücher.
...
Sie hat ihr Projekt lange geplant. Hat sich ausführlich informiert. „Recherchiert“, hat Karl immer gesagt. Im Fernsehen kann man es jeden Tag sehen und sie hat genau hingeschaut und viel dabei gelernt. Wie man in den Raum tritt: aufrecht, mit zielstrebigem Schritt und entschlossenem Blick. Wie man wieder hinausgeht. Auch das Timing, wie sie es nennen. Sie muss ja sofort in einen Bus steigen können, kann nicht an der Haltestelle stehen bleiben. Lange auf einen Bus warten kann sie nicht, das ist klar. ...


Bernhard Schader, Jahrgang 49, Pädagoge und Psychologe, lebt in Mannheim und schreibt – nach einigen fachlichen Veröffentlichungen – mit Vorliebe Kriminelles, lässt sich aber gelegentlich auch auf andere Felder locken. Mitglied im Literaturverein „Räuber 77“ und im „Literarischen Quadrat“.


Freitag, 6. Juli 2012

Grenzgängerin Petra Scheuermann: Na dann, Prost!


Petra Scheuermann erkundet Grenzbereiche zwischen Alltagsleben und Suchterfahrung. Ihre Kurzgeschichte "Na dann, Prost!" wird sie am 14.07.12 im Mannheimer theater oliv vorstellen.
Hier eine kurze Leseprobe:


„In Anna brannte der Hass auf ihren Vater wie hohes Fieber. Sie schlug die Tür ihres Zimmers hinter sich zu und bereute keine Glastür zu haben, das Bersten und Klirren des Glases hätte ihr etwas Genugtuung verschafft. Quer auf ihrem Bett liegend flennte sie Rotz und Wasser. Immer wieder sah sie die leuchtenden Augen Bennos vor sich, als ihm ihr Vater die Kakteenableger schenkte. „Dein Vater ist aber nett“, hatte Benno gesagt.

Benno ist tot, dachte sie. Morgen wollte er vorbeikommen, um sechzehn Uhr. Er wird nicht kommen. Er wird niemals mehr kommen. Er ist tot. Ich werde ihn nie mehr wieder sehen. Und ich werde nicht erfahren, was Benno mir sagen wollte. Niemals!

Erst im dritten Blumenladen gelingt es Anna einen Strauß Margeriten zu erstehen, er ist groß und wunderschön. Natürlich hätte sie auch andere Blumen kaufen können, Gerbera zum Beispiel. Aber sie hatte sich in den Kopf gesetzt, es müssten Margeriten sein.

Bennos Grab liegt nur zwei Meter vom Grab seiner Freundin Sonja entfernt. Die Hälfte des Margeritenstraußes stellt sie in die Vase, die fest in Bennos Grab eingelassen ist, die restlichen Blumen legt sie auf Sonjas Grab.

An einem Sonntagmittag stand Benno unerwartet bei Anna zu Hause vor der Tür, als sie gerade zu Leo aufbrechen wollte. Er war ein ungebetener Besucher, der ihr eher lästig war. Nicht, dass sie etwas gegen Benno gehabt hätte, er war Leos Freund und bislang hatte sie sich nicht sehr viele Gedanken über ihn gemacht. Er war dick, der einzige dicke Junkie, den sie kannte. Der Kopf auf seinem Körper erweckte den Eindruck, als sei ein kleines Quadrat auf ein großes Quadrat genagelt worden. Vielleicht war das der Grund, warum all seine Bewegungen etwas Linkisches hatten. Sein Blick war unstet und suchend, als würde er jederzeit mit einem Angriff aus dem Hinterhalt rechnen.“



Biographische Notiz

Petra Scheuermann, geb. 1959 in Frankenthal/Pfalz, Dipl.-Sozialarbeiterin, Heilpädagogin und Erzieherin, mehrere Veröffentlichungen in Anthologien, eine Kurzgeschichte wurde 2011 – 2012 vom Theater Oliv im Rahmen der Kurz-Stücke-Theaterrevue „Warum Mannheim?“ aufgeführt, 2012 und 2011 ausgezeichnet mit einem Literaturpreis der „Buchmesse im Ried“ in Stockstadt am Rhein, 2. Vorsitzende des Literarischen Zentrums Rhein-Neckar e.V. „Die Räuber ´77“ und Mitglied der Autorinnengruppe „Mörderische Schwestern“, weitere Informationen: www.petrascheuermann.de








Na dann, Prost!, in: Geschlossene Gesellschaft?, Getaway e.V. (Hg.),
München, Juli 2011. ISBN: 978-3-00-035200-3



Inhalt

Anna steht am Grab von Benno, der an einer Überdosis Heroin starb, und erinnert sich. Die Geschichte handelt von Drogen, Liebe und Freundschaft, thematisiert wird aber auch die Doppelmoral unserer Gesellschaft, in der viele – auch Eltern – selbst gerne und reichlich Alkohol konsumieren, den Benutzern illegaler Drogen aber sehr ablehnend gegenüber stehen.



Donnerstag, 5. Juli 2012

Grenzgänger Peter Metz: Hey Ba Ba Re Bob


Peter Metz überschreitet Grenzen - geographische, berufliche, künstlerische... Am 14.07.12 wird er sein Schweizer Exil verlassen, um auf der KultTour Mannheim seinen neuen Text "Hey Ba Ba Re Bob" zu präsentieren.
Hier zwei seiner älteren Werke (der zweite Text ist gekürzt):


Novemberbriefe

Der Mann trägt Briefe zur Post. Es ist November. Durchs Einkaufszentrum weht ein kalter, peitschender Wind. Mit klammen, schmerzenden Fingern hält der Mann die Briefe krampfhaft fest. Er stemmt sich verzweifelt gegen den schneidenden Wind. Es sind Briefe für Gefangene. An den grauen Betonquadern des Einkaufszentrums vorbei erreicht er das Postgebäude mit den vergitterten Fenstern. Er zieht seine Nummer. Die Finger klammern sich um die Umschläge. Darin sind Briefe gegen die Generäle, Briefe für die Gefangenen. Seine Nummer erscheint rot leuchtend auf dem Display. Er begibt sich zu Schalter C.

„Dreimal A – Post nach Übersee“, sagt er.

Die Frau hinterm Schalter unterbricht kurz ihr routiniertes Stempeln und schaut auf die Adresse: „Dort ist es jetzt schön warm“, sagt sie.



Die Wunderblume


In die stille Strasse in Käfertal – Süd mit ihren Einfamilienhäuschen und Vorgärten bog ein alter, reichlich ramponierter, orangefarbener FIAT Mirafiori ein. Zwischen parkenden Autos war gerade genug Platz für die schwere Limousine, aus deren halb geöffneten Fenstern laute, Reverb – überfrachtete Rockabilly – Gitarren dröhnten.

Plötzlich schlug etwas von unten dumpf – metallen an den Fahrzeugboden. Der Fahrer des Wagens, ein langhaariger junger Mann, bremste, so schnell ihm das in seinem intoxikierten Zustand möglich war. Seine Begleiterin schaute ihn an, er schaute seine Begleiterin an, sie beide schauten durch das Heckfenster auf die stille Strasse. Im schwachen Schein der Strassenlaternen war ein schwarzer Gegenstand zu erkennen – ob ein lebloses Ding oder ein totes Tier, war nicht auszumachen.
Die beiden stiegen aus. Während sie sich ehrfürchtig dem rätselhaften Gegenstand näherten, tauschten sie immer wieder fragende Blicke aus. Als der junge Mann nahe genug heran gekommen war, erkannte er, dass es sich um einen schwarzen, metallenen Gegenstand handelte. Niederkniend hielt der junge Mann seine Hand über das schwarze Ding. Es war noch warm. Er entzündete mit angehaltenem Atem ein Feuerzeug, um den Gegenstand näher zu betrachten. Eine Aufschrift in italienischer Sprache war erkennbar: „Magneti Marelli Torino“.
Es war kein Zweifel möglich: es gehörte zu seinem Auto. Er hob den Gegenstand behutsam an. Ja, er war noch warm, er war aus Italien, er war aus Metall und er war schwer. Er ging zurück zu seinem Auto, öffnete die Kühlerhaube und tatsächlich: da fehlte offensichtlich ein Teil. Erstaunt stammelte der junge Mann: „Das muss meine Lichtmaschine sein“.
(...)


Peter Metz wurde am 15. September 1962 in Mannheim geboren und lebt seit 1998 in der Schweiz. Von 1984 – 1992 Studium der Politik und Geschichte an der Universität Mannheim, von 1995 - 1997 Ausbildung zum Oberstufenlehrer für Deutsch und Geschichte an der Freien Hochschule für Anthroposophische Pädagogik in Mannheim. Arbeit als Journalist, Fliessbandarbeiter, Bierkutscher, Bürobote und seit 1998 als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Theater an verschiedenen Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz. Lesungen, Vorträge zu künstlerischen, historischen und pädagogischen Themen. Peter Metz ist verheiratet und hat einen Sohn.

Auszeichnungen:
2004: Mannheimer Literaturpreis für „ Astmanns Vision“, der gleiche Text erschien 2007 in „30 Jahre Die Räuber 77“, hrsg. Von Roswitha Spodeck – Walter, Klaus Walter, Adolf Kutschker, Verlag Vorwerk 8, Berlin, 2007. ISBN 978-3-930916-99-3


Mittwoch, 4. Juli 2012

Grenzgänger Wilhelm Dreischulte: Fremdes Brot


Wilhelm Dreischulte überschreitet Grenzen der Zeit. Bei der Lesung im Mannheimer theater oliv (14.07.12., ab 19:00 Uhr) wird er aus dem Leben einer 93jährigen Frau berichten und somit längst vergangene Epochen wieder lebendig machen.
Hier zwei kurze Ausschnitte:


Erdbeben

Als die Frau sechs Jahre alt war, rüttelte und schüttelte es. Bilder flogen von der Wand, sogar dasjenige mit den beiden Engeln, Fensterscheiben zerschellten und Isidor und die Mutter der Frau, sie hieß Ernestine, trieben die Frau und ihre Schwester nach draußen auf den Innenhof. Es war fantastisch. Alle Nachbarn kamen zusammen und waren still, die Erde bebte nicht mehr, und schon fingen sie wieder an zu reden. Erst langsam, dann immer lauter und schneller.

Faszinierend war das für die Frau genauso, als sie später abends auf den benachbarten Berg lief und dem Ersten Weltkrieg zuschaute. Sie sah es in der Ferne immer wieder aufleuchten. Das waren die Bomben und Granaten von den Deutschen und den Franzosen. Hören konnte sie nichts.


Alltägliches früher

Einmal im Monat kam der Seifenmann. Er klingelte die Leute aus dem Haus und verkaufte Seifenpulver und Seife. Irgendeine Überraschung war immer dabei, einmal ein Goldarmbändchen, versteckt im Seifenpulver. Die Frau durfte es zunächst tragen. Doch sobald Isidor sie damit sah, nahm er es ihr wortlos ab.
Wie der Seifenmann, so kam auch der Milchmann. Der Milchmann kam allerdings täglich und klingeln brauchte er auch nicht. Denn die Milchtöpfe standen bereits auf den Treppenstufen vor dem Haus. Samstags lag Geld für ihn unter dem Topf. Wenn die Mutter der Frau mal mehr Milch als gewöhnlich wollte, heftete sie einen Zettel an den Topf.
Für die tägliche Milch war also gesorgt. Die Frau verabscheute Milch. Jeden Morgen musste sie ein Glas trinken, da sie als blutarm galt. Eisern wachte ihre Schwester darüber. Trank sie ihre Milch nicht, schwärzte die Schwester sie bei Isidor an und Isidor schlug sie.



Wilhelm Dreischulte: Fremdes Brot

Erinnerungen einer 93jährigen Frau
2009; ISBN 978-3-931382-44-5 / 138 S. / 12,80 EUR
Seidler Verlag

N. ist der 93-jährigen Frau als Pfleger zugeteilt. »Sie können mich alles fragen«, sagt sie zu ihm. In vielen kurzen Episoden wird der Leser mitten hinein versetzt in eine Lebenswelt der Erinnerung, die sich mosaikartig aus der Vergangenheit erschließt und durch ihre scheinbare Unvollständigkeit Raum lässt für die eigene Fantasie, das Gelesene fortzudenken.


Biographische Notiz
Wilhelm Dreischulte wurde 1965 in Haselünne/ Emsland geboren. Nach dem Abitur folgten Zivildienst, Jobben und Reisen. Lange Jahre lebte er in Freiburg und widmete sich neben dem PH-Studium der Malerei und dem Schreiben. Seit 2001 ist er als Lehrer in Heidelberg, Landau und in Höchst i. Odw. tätig.


Dienstag, 3. Juli 2012

Grenzgänger Jancu Sinca: Das Ereignis


Jancu Sinca ist einer der Autoren, die sich am 14.07.12 im Mannheimer theater oliv in literarische Grenzregionen begeben werden (Beginn: 19:00 Uhr). Er stellt seine Kriminalnovelle Das Ereignis vor.

Ein kurzer Blick auf den Inhalt:

Ein Bibliotheksangestellter hat die undeutliche Erinnerung, am Fluss den Hilfeschrei einer Frau gehört zu haben. Als die Leiche einer jungen Frau gefunden wird, fühlt er sich verantwortlich, weil er dem Schrei nicht nachgegangen ist. Die Tote war eine Kollegin. Sie wollte die Stadt verlassen, und er hatte sich noch einmal mit ihr treffen wollen, um ihr seine Liebe zu gestehen und sie zum Bleiben zu bewegen. Was geschah tatsächlich an jenem Abend? Der Protagonist verstrickt sich immer tiefer in ein Gespinst aus Erinnerung, Verdrängung und Fantasie.


Leseprobe:
(...)
Dir fällt nur Silvias Gesicht ein. Und wenn du an das Geburtstagsfest denkst, fragst du dich, wie sich wohl das Abschiedsfest von Silvia entwickeln wird. Du stellst dir vor, daß zu Beginn billiger Sekt verteilt wird. Die Kollegen unterbrechen ihre Arbeit und nehmen sich jeder ein Glas. Dann wird ein allgemeines Geplauder entstehen. Du wirst versuchen, zu Silvia vorzudringen, um mit ihr ein paar Worte zu wechseln. Aber es wird dir nicht gelingen, weil sich um sie herum eine dichte Gruppe Kollegen gebildet hat, die auf sie einreden, ihr Ratschläge mit auf den Weg geben wollen. Aber auch Fragen werden auf sie niederprasseln, was sie in nächster Zeit machen wird, ob sie sich schon an der Universität eingeschrieben hat, was sie denn studieren will, was wieder mit Ratschlägen begleitet sein wird, was sie denn am besten zu studieren habe und anderes mehr. Keiner wird von ihr ablassen, so daß du, auch wenn du dich dieser Gruppe hinzugesellt haben wirst, kein persönliches Wort mit ihr wechseln kannst. Dann wird jeder sein zweites Glas Sekt nehmen, bis schließlich der Direktor um Stille bitten wird, um ein paar offizielle Abschiedsworte zu sprechen. Nach einiger Zeit wird dann auch Ruhe eintreten und der Direktor wird sich räuspern, um mit »Sehr geehrte Damen und Herren ...« anzusetzen. Dann wird er eine kleine Pause machen, um fortzufahren: »wir sind heute hier alle zusammengekommen, um eine unserer jüngsten und befähigsten Mitarbeiterinnen aus unserer Mitte zu entlassen ...« Wieder wird er eine kleine Pause machen, um dann zu betonen: »... und das mit unserem tiefsten Bedauern, muß ich hinzufügen, und ohne unser eigenes Mitwirken, denn ...« Und auch hier wird er eine Pause machen, um fortzufahren: »... denn sie verläßt uns aus freien Stücken, um, wie ich gehört habe, ein Studium zu beginnen, um also ...« – die Pause ist unvermeidlich – »um also das zu tun, was ich jedem von unseren Mitarbeitern immer wieder empfehle, nicht, auch wenn die Arbeit noch so viel Zeit in Anspruch nimmt, nicht zu vergessen, sich weiterzubilden. Denn, um mit einem Worte Goethes zu schließen, es heißt doch so schön: ›Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.‹«
(...)


Biographische Notiz
Jancu Sinca, geboren 1965 in Dresden, aufgewachsen in Berlin, 1996 Magister an der Freien Universität Berlin in den Fächern Germanistik und Philosophie, lebt seit 1999 als freier Autor in Neckarsteinach. Mitglied der Autorengruppe ›Literarur-Offensive‹. Weitere Publikationen: 2008 erschien der Lyrikband ›Das Kratzen auf dem Blatt‹, 2009 war er Mitautor bei dem Romanprojekt ›Nebelkopfhütte‹. Veröffentlichungen in Anthologien, Lesungen im Rhein-Neckar-Raum.


Jancu Sinca: Das Ereignis
Kriminalnovelle
Regionalkrimi, spielt in Neckarsteinach, bearbeitete Neuauflage 2012.
ISBN 978-3-931382-37-7 / 89 S. / 10,80 EUR  Seidler Verlag


Montag, 2. Juli 2012

Vorschau: Grenzgänger-Lesung bei der KultTour 2012 in Mannheim



Vom 13. bis 15. 07. findet in Mannheim das Interkulturelle Kunst- und Kulturfest KultTour 2012 statt. Das Literarische Zentrum Rhein-Neckar "Die Räuber ´77" und die Literaturoffensive Heidelberg LitOff werden gemeinsam eine Lesung veranstalten. Das diesjährige Motto lautet "Grenzgänger."

Folgende Autoren werden sich mit ihren Werken an Grenzen herantasten (und manchmal auch überschreiten):
Elk von Lyck „Die Auswerterin“
Olga Manj „Das Licht des Sommers“
Bernhard Schader „Heldenreise. Altes Format“
Helmut Orpel „Die unsichtbare Stadt"
Peter Metz „Hey Ba Ba Re Bob“
Petra Scheuermann „Na dann, Prost!“
Wilhelm Dreischulte „Fremdes Brot
Jancu Sinca „Das Ereignis“

Der Abend wird moderiert von Helmut Orpel und Frank Domenico Montalbano.

Zeit:  Samstag, 14. Juli 2012, 19 – 22 Uhr
Ort: Theater Oliv, Am Messplatz 7, Mannheim

Samstag, 30. Juni 2012

Vorschau: Lesung "zwischen Himmel und Hölle"


Liebe Literaturfreunde, 


Am Donnerstag, dem 5. Juli, um 19:30 Uhr findet die jährliche Lesung der „Literaturwerkstatt Ludwigshafen-Mannheim“ zum Kultursommer statt mit heiteren Gedichten, nachdenklichen Geschichten, Haiku und sogar einem Kurz-Krimi. Diese Gratwanderung zwischen Himmel und Hölle sollten Sie nicht versäumen. Wir warten auf Sie in der Stadtbibliothek, Bismarckstr. 44-48 in 67059 Ludwigshafen. Und nun mal unter uns: Was wollen Sie denn sonst machen? Die EM ist ja vorbei.
Der Eintritt kostet 3 € / ermäßigt 2 €.

Liebe Grüße
Edith Brünnler


Dienstag, 26. Juni 2012

Vorschau: Lesung am Lutherbrunnen in Ludwigshafen


Liebe Literaturfreunde, 

Am Samstag, dem 30. Juni, gibt es auf dem Lutherplatz am Turm 33, Maxstr. 33 in 67059 Ludwigshafen etwas zu feiern: Der Lutherbrunnen wird 20 Jahre alt! Zwischen dem Gottesdienst um 18:00 Uhr und der anschließenden Preisverleihung an die Sieger des Fotowettbewerbs lese ich eine neue Mundartgeschichte. Sie heißt passend zum Anlass „De Fotowettbewerb“.
Vielleicht sind Sie ja sowieso auf dem Stadtfest und haben Lust, einen kleinen Abstecher auf den Lutherplatz zu machen. Ich würde mich freuen und Jupiter Jones verpassen Sie deswegen nicht. Die spielen erst ab 21:00 Uhr.

Liebe Grüße
Edith Brünnler

Montag, 4. Juni 2012

Gedicht des Monats

Das Gedicht des Monats Juni stammt von Elisabeth Singh-Noack:



Mordsschön

Rasierklingenscharf und poliert,
blitzend in meiner Hand,
durchtrennt glatt und fehlerlos,
geschmeidig und elegant
das Messer deine Kehle.
Aus ihr rinnt
glühendheißer Lavastrom,
tränkt dein seidenweißes Hemd,
und ein tropfenförmiger Rubin
perlt hinab
auf spiegelblanke Kachel.




Montag, 28. Mai 2012

Lyrik, Literatur, ha! - Die LitOff im Radio


Der Literatursommer 2012 steht unter dem Motto "60 Jahre Literatur in und aus Baden-Württemberg". Die Heidelberger Autorengruppe LitOff ist seit Ende der 80er Jahre selbst Zeitzeuge der literarischen Strömungen und hat aus diesem Anlass ein Radio-Feature über ihre eigene Geschichte produziert.

Hier sind die nächsten Sendetermine:


31.05.2012 von 19-20 Uhr: Lyrik, Literaur, ha! beim Freien Radio Freudenstadt im Lokalmagazin Vesperwelle. www.radio-fds.de

01.06.2012  7-8 Uhr: Wiederholungssendung
01.06.2012 15-16 Uhr: Wiederholungssendung
01.06.2012 19-20 Uhr: Wiederholungssendung

17.06.2012 21-22 Uhr (WDH) Lyrik, Literatur, ha! bei Radio fips in der Reihe Durchblick. Radio Fips ist das freie Lokalradio für den Kreis Göppingen. www.radiofips.de 

21.6.2012 von 15-16 Uhr Wiederholungssendung

18.06.2012 von 20-21 Uhr: Lyrik, Literatur, ha!  wird in der Sendung Kultur purpur im Freien Radio Rhein-Neckar Bermudafunk ausgestrahlt, Moderation: Kaja Torunsky. www.bermudafunk.org

20.06.2012 von 7-8 Uhr Wiederholungssendung
25.06.2012 von 11-12 Uhr Wiederholungssendung
27.06.2012 von 20-21 Uhr Wiederholungssendung